Es fängt erst mal mit der korrekten Bezeichnung des Geheimdienstes der DDR an. Der Begriff „Stasi“ ist in aller Munde. Die wenigsten wissen, dass es sich dabei um einen Hetzbegriff handelt. Die korrekte Bezeichnung ist MfS (Ministerium für Staatssicherheit).
Nun ist der Aktenbestand ins Bundesarchiv übergegangen. Das ist die bessere Lösung, als die BStU.
Ein historisches Ereignis nach einem Dokument des MfS wiedergegeben. Leider ist nur ein Faksimile der ersten Seite des Dokuments vorhanden. Ansonsten gibt es nur die die Abschrift aus dem Bundesarchiv.
Ein historisches Ereignis noch einem Dokument des MfS wiedergegeben.
Der Umfang der Reaktion der Bevölkerung der DDR war in der Phase der Vorbereitung des Treffens in Kassel relativ gering, nahm aber unmittelbar am Verhandlungstag wesentlich zu.
Nachdem am 19.03.1970 die Regierungschefs der BRD, Willy Brandt, und der DDR, Willi Stoph, zu einem ersten Gipfeltreffen in Erfurt zusammengekommen waren, fand am 21.05.1970 in Kassel ein Folgetreffen statt. Die Begegnungen waren Ausdruck der „Neuen Ostpolitik“ der Bundesregierung, die auf eine Annäherung der beiden deutschen Staaten abzielte. Konkrete Beschlüsse brachten die Treffen nicht, beide Seiten beharrten auf Maximalforderungen für weitere deutschlandpolitische Initiativen, die eine Annäherung zu diesem Zeitpunkt unmöglich machten. In Reaktion auf diese Situation schlug Willi Stoph eine „Denkpause“ und die Aussetzung weiterer Gespräche vor. Erst im November 1970 wurden die Verhandlungen wieder aufgenommen.
Nach dem Treffen setzte eine stark rückläufige Tendenz in der Reaktion der Bevölkerung auf das Treffen in Kassel ein, was sich zum damaligen Zeitpunkt fortsetzte.
Übereinstimmend wurde aus den Bezirken bekannt, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung der DDR vor dem Treffen verhältnismäßig wenig Interesse für die Verhandlungen zeigte und sich auf eine abwartende Haltung beschränkte.
Stärker wurden Fragen diskutiert, wie
Die Aggression gegen Kambodscha und den Libanon,
ungeklärte Probleme im Zusammenhang mit der Planerfüllung in Industrie und Landwirtschaft,
Schwierigkeiten auf dem Gebiet von Handel und Versorgung (besonders die teilweise unkontinuierliche Versorgung mit Fleisch- und Wurstwaren),
geplante lohnpolitische Maßnahmen im Bereich der Volksbildung.
Zwischen März 1969 und Mai 1970 versuchten amerikanische Truppen in einer zunächst geheimen Luftoffensive den Nachschub für den prokommunistischen Vietcong aus Kambodscha zu unterbinden. Als die Bombardements nicht die erhofften Erfolge zeitigten, gingen im Frühjahr 1970 südvietnamesische and amerikanische Truppen zu begrenzten Bodeneinsätzen im Süden Kambodschas über.
Am 08.05.1970 töteten libanesische Terroristen in einem Kibbuz in Israel mehrere Schulkinder. Als Vergeltung bombardierte die israelische Armee Dörfer im Libanon, wobei ebenfalls mehrere Menschen zu Tode kamen.
Unmittelbar am Tage der Verhandlungen in Kassel bestand nach übereinstimmenden Berichten bei einem großen Teil der Bevölkerung der DDR ein starkes Informationsbedürfnis, wobei das Interesse hauptsächlich auf mögliche Ergebnisse des Treffens richtete.
Vermehrt wurden an diesem Tage wiederum Sendungen westlicher Rundfunk- und Fernsehstationen abgehört, mehrfach mit einer solchen Begründung, dass man sich „von beiden Seiten her“ informieren müsste. Verbreitet setzte sich am Verhandlungstag die Meinung durch, dass die Sender der DDR anlässlich dieses Ereignisses eine ausreichende und übersichtliche Publikation geleistet hätten, wobei solche Argumente auch von Personen bekannt wurden, die als ständige Empfänger westlicher Stationen bekannt waren.
Obwohl der Umfang der Diskussionen zum Treffen in Kassel erheblich nachgelassen hatte und zum damaligen Zeitpunkt keinen Schwerpunkt mehr darstellte, wurden eine Reihe politischer Meinungsäußerungen besonders von dem an politischen Tagesfragen interessierten Teil der Bevölkerung weiterhin an Verlauf, Inhalt und Ergebnis bestimmt. Der überwiegende Teil dieser Diskussion beinhaltete zustimmende Äußerungen zum Zustandekommen des Treffens in Kassel.
In den Argumenten kam zum Ausdruck, das Treffen sei in politischer Hinsicht für die DDR ein großer Erfolg gewesen. Die Zielstellung der DDR sei vor der Weltöffentlichkeit dargelegt worden. Es sei der Beweis erbracht worden, dass alle Anstrengungen unternommen würden, Westdeutschland vom Weg des Revanchismus und Krieges abzubringen und verbindliche Vereinbarungen mit Westdeutschland zu treffen, um Sicherheit und Frieden zu gewährleisten.
Folgende inhaltliche Komplexe spiegelten sich in den positiven Diskussionsrichtungen wider:
Der Vertragsentwurf der DDR ist und bleibt eine reale Grundlage für die Normalisierung zwischen beiden deutschen Staaten.
Die völkerrechtliche Anerkennung der DDR ist Voraussetzung für normale Beziehungen zwischen der DDR und der BRD und gleichzeitig Maßstab dafür, inwieweit die Bundesregierung an der Schaffung solcher Beziehungen interessiert ist.
Mit ihrer Initiative leistet die DDR einen konstruktiven Beitrag für die Entspannung in Deutschland und die Sicherheit in Europa.
Verhandlungen sind notwendig und richtig. Je länger der Frieden erhalten wird, umso stärker wird die DDR und das gesamte sozialistische Lager.
Die DDR hat seit Jahren immer wieder Verhandlungsvorschläge unterbreitet. Das Treffen in Kassel ist das Ergebnis unseres Staates und ein Zeichen der wachsenden Autorität der DDR.
Am 18.12.1969 hatte Walter Ulbricht den Entwurf eines Vertrages über die „Aufnahme gleichberechtigter Beziehungen“ an Bundespräsident Gustav Heinemann geleitet. Vgl. zur Übergabe des Briefes in Bonn ausführlich: Kaiser, Monika _ Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker. Funktionsmechanismen der SED-Diktatur in Konfliktsituationen 1962 bis 1972. Berlin 1997, Seite 349
Gleichzeitig spiegelten die zum Teil abgebenden Verpflichtungen die Bereitschaft vieler Bürger und Bürgerinnen wider, durch den Kampf um eine hohe Planerfüllung ihren Beitrag zur Stärkung der DDR zu leisten.
In allen Bevölkerungsschichten war am Verhandlungstag eine starke Reaktion auf die Vorkommnisse in Kassel zu verzeichnen, wobei diese Ereignisse auch seinerzeit noch einen relativ großen Anteil der bekannt gewordenen Äußerungen der Bevölkerung einnahmen. Die überwiegende Zahl der sich zu diesem Komplex äußernden Personen brachte ihre Empörung über
die Schändung der DDR-Staatsflagge vor dem Verhandlungshotel,
das provokatorische Auftreten neonazistischer Kräfte, besonders bei der Ankunft der DDR-Delegation und an der Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus in Kassel,
die Schändung des Kranzes der DDR-Delegation,
die Tatsache, dass diese gefährlichen Provokationen unter den Augen und mit Duldung der westdeutschen Polizei unternommen werden konnten,
das zynische und arrogante Auftreten des Regierungssprechers Ahlers während der Pressekonferenz in Kassel
zum Ausdruck und werteten diese Ereignisse als Zeichen einer zunehmenden Faschisierung in Westdeutschland.
Als Willi Stoph im Schlosshotel Wilhelmshöhe in Kassel zu Unterredungen mit Willy Brandt weilte, rissen drei jugendliche Rechtsextreme die DDR-Flagge vor dem Tagungsort herunter. Die Gespräche wurden nach einem förmlichen Protest Stophs unterbrochen und nach einer Entschuldigung Brandts fortgesetzt.
Die für den Nachmittag des 21.05.1970 geplante Kranzniederlegung am Mahnmal für die Opfer des Faschismus im Fürstengarten wurde angesichts massiver und teils gewalttätiger Proteste abgesagt und konnte erst nach Auflösung der Demonstration am Abend erfolgen.
Die Schleifen an dem vom Willi Stoph am Abend des 21.05.1970 vor dem Mahnmal für die Opfer des Faschismus im Fürstengarten niedergelegten Kranzes wurden in der darauffolgenden Nacht von Unbekannten entwendet.
Conrad Ahlers, Jahrgang 1922, Journalist und SPD-Politiker, 1951/52 Chef vom Dienst des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, 1952-54 Pressereferent im Amt Blank, 1954-57 Redakteur der Tageszeitung „Die Welt“, 1957-59 Korrespondent des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, 1962-65 dessen stellvertretender Chefredakteur, 1966-69 stellvertretender, dann 1969-72 Regierungssprecher und Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung. (siehe auch „Die Spiegelaffäre“)
Die Unterstützung neofaschistischer und revanchistischer Kräfte durch die führenden politischen Kreise in der BRD sei offensichtlich gewesen. Im Zusammenhang mit der Beurteilung dieser Vorkommnisse traten auch solche Personen positiv in Erscheinung, die zu anderen Anlässen als politisch desinteressiert eingeschätzt wurden. Diese positiven Stellungnahmen waren oft mit der Forderung verbunden, die BRD sollte nun Endlich eine der Realität entsprechende Haltung zu den von der DDR gestellten Grundproblemen, besonders zur völkerrechtlichen Anerkennung, einnehmen.
Betont wurde, durch die Berichterstattung im Fernsehen usw. seit vor der internationalen Öffentlichkeit der wahre Charakter der BRD entlarvt worden. Andererseits sei aber auch klar geworden, dass viele fortschrittliche Menschen in Westdeutschland die Bonner Politik nicht billigen und den Mut aufbringen, durch konzentriertes Auftreten ihren friedlichen Absichten vor der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Wiederholt traten Meinungen auf, durch die Störaktionen der Neonazis seien auch Teilen der westdeutschen Bevölkerung die Augen geöffnet worden, sodass es zur weiteren Differenzierung unter der westdeutschen Bevölkerung kommen könnte. Im Ausland seien über das Erstarken des Neonazismus in der BRD bestätigt worden, da der Faschisierungsgrad in Kassel besonders deutlich geworden sei. Vereinzelt sind in den Diskussionen jedoch auch Tendenzen der Abschwächung der Bedeutung der neofaschistischen Ausschreitungen bekannt geworden.
Sie beinhalten im Wesentlichen:
Die Vorfälle sollten nicht zu ernst genommen und nicht „aufgebauscht“ werden.
Die Fahnenprovokation wäre lediglich eine Einzelaktion dreier Unverbesserlicher.
In Kassel hätten sich nur einige Jugendliche vor Fernsehen und Presse hervortun wollen, um Abenteuerlust zu stillen; mit Politik habe das aber nichts zu tun.
Die Aktionen in Kassel seinen lediglich so zu sehen, dass die westdeutsche Bevölkerung Familienzusammenführungen usw. wünschten. Von unserer Seite würden die Vorkommnisse aufgewertet.
Das Verhalten Einzelner sei nicht mit der politischen Konzeption der Bonner Regierung zu identifizieren.
Im Zusammenhang mit Diskussionen über die Ergebnisse des Kasseler Treffens setzte sich immer mehr die Kenntnis durch, dass eine lange Periode von Verhandlungen notwendig ist, ehe es zu konkreten Vereinbaren zwischen der DDR und der BRD kommen kann. Überwiegend wurde anerkannt, dass der erste Schritt die völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch die BRD sein muss. Es wurde betont, die Chancen, zu realen Ergebnissen und sofortigen Übereinkommen zu kommen, wären von vornherein äußerst minimal gewesen. Ausgangspunkt solcher Erwägungen sind bereits im Zusammenhang mit dem Erfurter Treffen aufgetretene Widersprüche zwischen Wort und Tat des westdeutschen Bundeskanzlers, der Verlauf des SPD-Parteitages in Saarbrücken, die Haltung zum WHO-Aufnahmeantrag der DDR, die Verhaftung von DDR-Journalisten u.a.m.
Wiederholt traten Äußerungen auf, das Treffen in Kassel stelle lediglich eine Erwiderung des Brandt-Besuches in Erfurt dar und sei daher nur als Geste der Demonstration zu bewerten.
Die SED-Führung schlug im Vorfeld des Erfurter Gipfeltreffens Berlin/DDR als Ort der Begegnung vor. Sie bestand allerdings darauf, dass Brandt nicht über Westberlin einreiste, sondern auf dem Flughafen Schönefeld landen sollte. Dies lehnte die Bundesregierung ab. Am 12.03.1970 einigten sich die Unterhändler auf Erfurt als Ort der Begegnung. Wenige Tage vor dem Treffen äußerte sich Regierungssprecher Conrad Ahlers auf einer Pressekonferenz über die Arbeitsbedingungen der westdeutschen Delegation, die DDR sei ein „halbwegs zivilisiertes Gebiet“. Diese in den Medien der BRD aber auch der DDR verbreiteten Äußerungen sorgten für Verärgerung bei der SED. Vgl. Seltsame Töne. In: ND v. 14.03.1970, Seite 2; Erfurter Bürger weisen Frechheiten von Ahlers entschieden zurück. In: ND v. 17.03.1970, Seite 1
Der 14. SPD-Parteitag fand vom 11. bis 14.05.1970 in Saarbrücken statt.
Die SED-Führung stellte 1966 einen offiziellen Antrag auf Aufnahme in die Weltgesundheitsorganisation. Im April 1970 stellte die im Westen noch immer nicht anerkannte DDR einen neuen Aufnahmeantrag, der ebenfalls scheiterte. Die Aufnahme kam aber erst 1973 mit der Aufnahme in die Vereinten Nationen zustande.
Die Reporter des DDR-Magazins „Neue Berliner Illustrierte“, Hans-Joachim Mollenschott und Manfred Schulz, waren am 14.05.1970 auf der Fahrt nach München an der Weiterreise gehindert und zur Rückkehr in die DDR gezwungen worden. Vgl. Unerhörte Provokation. Polizei der Bundesrepublik verhaftet DDR-Journalisten. In ND v. 14.05.1970 Seite 1
Unter solchen Personenkreisen, die auf sogenannte menschliche Erleichterungen gehofft hatten, ist eine Enttäuschung und gewisse Resignation darüber festzustellen, dass es während des Kasseler Treffens zu keinen konkreten Vereinbarungen gekommen ist. (Erwartet wurden u.a. sogenannte Erleichterungen im Reiseverkehr der zwischen der DDR und Westdeutschland, im Besucherverkehr DDR/Westberlin, im Zusammenhang mit den Grenzsicherungsmaßnahmen und im Handelsaustausch, Familienzusammenführungen usw.)
Während ein kleiner Teil der interessierten Personen davon ausgeht, dass die Ursache des „Scheiterns“ darin zu suchen sei, dass die DDR zu keinem „Zugeständnis“ bereit gewesen sei, äußert der überwiegende Teil bei richtiger Einschätzung der Situation, dass Fragen der sogenannten menschlichen Erleichterungen lediglich eine untergeordnete Rolle bei diesen Verhandlungen spielen können.
Der Teil der Äußerungen, in denen von einem generellen „Scheitern“ der Treffen in Erfurt und Kassel gesprochen wird, ist nach übereinstimmenden Einschätzungen aus den Bezirken als sehr gering zu beurteilen.
Überwiegend werden die große politische Bedeutung der Treffen und die vor der Weltöffentlichkeit gezeigte Initiative und Friedensbemühungen der DDR erkannt. Die Blockierung der Gespräche wird weitestgehend mit der Haltung der Bonner Regierung in Zusammenhang gebracht.
Unterschiedliche Meinungen werden über die Weiterführung der Gespräche geäußert. Am weitesten verbreitet ist in allen Bevölkerungsschichten die Annahme, vorläufig würden überhaupt keine Verhandlungen mehr stattfinden, da sowohl in Erfurt als auch in Kassel gezeigt haben, dass eine Annäherung der Standpunkte nicht zu erwarten sei.
Vereinzelt wurde Enttäuschung darüber gezeigt, dass es zu keinen Verhandlungen auf unterer und mittlerer Ebene gekommen sei, wobei die Hoffnung zum Ausdruck gebracht wurde, durch Bonner Initiativen könnten derartige Zusammenkünfte doch noch bis zum Herbst zustande kommen. Unter diesen Umständen sei eventuell doch noch ein drittes „Gipfeltreffen“ zu erwarten, während dem die in den vorbereitenden „Kommissionen“ gesammelten Erfahrungen ausgewertet werden könnten.
In Einzeldiskussionen wurde behauptet, die DDR habe nach dem Kasseler Treffen keine politischen Interessen mehr an einem weiteren Gespräch auf Regierungsebene, da besonders mit den letzten Verhandlungen die Ziele, die Politik der DDR gegenüber der BRD vor aller Weltöffentlichkeit unter Beweis zu stellen, erfüllt seien. Mit weiteren Gesprächen sei deshalb lediglich nach einer völkerrechtlichen Anerkennung der DDR durch die BRD zu rechnen.
Politisch-ideologische Unklarheiten waren in allen Bevölkerungsschichten aufgetreten, besonders aber unter Personen mit loyaler politischer Einstellung und ungenügendem politischen Wissen. Sie resultierten aus einer falschen Beurteilung bzw. Nichtanerkennung der Aggressivität des westdeutschen Imperialismus, aus Unkenntnis der Klassenkampfsituation und der politischen Ziele der BRD.
Einen inhaltlichen Schwerpunkt bilden dabei die Einschätzung des Charakters der westdeutschen SPD/FDP-Führung und der politischen Rolle Brandts, wobei häufig eine Auswertung der Person Brandts vorgenommen wird.
Vorherrschend sind solche Tendenzen wie:
Die Brandt-Regierung befasst sich mit „echten“ Problemen und humanitären Anliegen. Es ist die erste westdeutsche Regierung welche die Interessen der Werktätigen vertritt.
Die Brandt-Regierung betreibt realistischere Politik als die vorangegangen westdeutschen Regierungen. Die DDR-Regierung sollte anerkennen und mit ihren Forderungen einen Schritt zurückgehen.
Nur noch der vorhandene Einfluss der CDU/CSU hat Brandt und seine Regierung abgehalten, konstruktiver für die Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten einzutreten.
Die Brandt-Regierung ist ebenfalls eine „Arbeiterregierung“ und muss entsprechend „geachtet“ werden (vereinzelt).
Weiterhin traten Unklarheiten über die Notwendigkeit der völkerrechtlichen Anerkennung der DDR in folgenden Richtungen auf:
Unverständnis über das Beharren der DDR-Regierung auf die Forderung nach völkerrechtlicher Anerkennung.
Mit der Forderung auf völkerrechtliche Anerkennung sei die SPD und die Regierung der BRD überfordert. Westdeutschland allein sei nicht zu solchen „Zugeständnissen“ in der Lage.
Westdeutschland habe wesentliche Souveränitätsrechte durch den Anschluss an westliche Verträge aufgegeben (unter Hinweis auf „Pariser Verträge“) und könne keine alleinige Entscheidung treffen.
Unverständnis darüber, warum wir überhaupt mit Brandt verhandeln und von seinem Staatsapparat die Anerkennung fordern, wenn feststeht, dass er lediglich die Monopole vertritt und auf Grundsatzforderungen nicht eingeht.
Außerdem trat in allen Bezirken die Tendenz in Erscheinung, die DDR sei nicht ausreichend zu Kompromissen bereit und erschwere dadurch das Stattfinden weiterer Verhandlungen. Unsere Delegation (die der DDR P.R.) habe nicht ausreichend Interesse gezeigt, Ansatzpunkte zu weiteren Vereinbarungen aufzugreifen. Vereinzelt wurde die Frage gestellt, ob die DDR nicht die Verhandlungen kompliziert habe, dass sie vor dem Treffen verstärkt gegen die Praktiken der westdeutschen Regierung polemisiert hätte.
Weitere Unklarheiten bestanden über Verlauf und das Ergebnis der beiden Treffen unter dem Gesichtspunkt, dass sie der DDR nicht genutzt hätten und letzten Endes eine „Verhärtung der Fronten“ bedeuteten.
In vielen Diskussionen wurde das konsequente Auftreten der Delegation der DDR in Kassel begrüßt. Das fand seinen Ausdruck in vielen Sympathiebekundungen, die häufig auch von solchen Personen ausgesprochen wurden, die bisher abwartend in Erscheinung traten. Im Zusammenhang mit der Ablehnung des Verhaltens neofaschistischer Kräfte in Kassel wurde die kluge und taktische Haltung unserer Delegation herausgestellt, wobei der Großmut der Delegationsleitung gelobt wurde.
Die von Willi Stoph vorgetragene Konzeption wurde von vielen Bürgerinnen und Bürgern als richtungsweisend und eindeutig hervorgehoben.
Anlässlich des Treffens mit Willy Brandt in Erfurt trug Willi Stoph ein 7-Punkte-Programm vor, das unter anderem die Gleichberechtigung der beiden deutschen Staaten und die Aufgabe des Alleinvertretungsanspruchs der BRD zum Gegenstand hatte. Die Forderungen waren für die westdeutsche Regierung zu diesem Zeitpunkt nicht annehmbar. Vgl. Erklärung des Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, Willi Stoph, beim Treffen mit dem Bundeskanzler in Erfurt 19. März 1970. Eine Dokumentation. Hg. V. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1970, Seite 15-44
In Unkenntnis der Lage wurde jedoch auch vereinzelt zum Ausdruck gebracht, die DDR solle den Weg unterhalb der Schwelle der völkerrechtlichen Anerkennung durch „starre Erklärungen“ nicht verbauen und die SPD innenpolitisch nicht in Schwierigkeiten bringen. Eingehend auf die Verhandlungskonzeption Brandts wurde von diesen Bürgerinnen und Bürgern geäußert, die Vorschläge im 20-Punkte-Programm seien eine Grundlage zu weiteren Verhandlungen, die man ausnutzen müsse. Brandt lasse in seinen Ausführungen erkennen, dass er kein Nazi gewesen sei.
Die Bundesregierung übergab Willi Stoph am 21.05.1970 in Kassel ein 20 Punkte-Programm über die „Grundsätze und Vertragselemente für die Regelung gleichberechtigter Beziehungen“. Sie reagierte damit auf ein von der DDR bereits 1969 vorgelegtes Papier, das gleichfalls Bedingungen für die Aufnahme bilateraler Beziehungen enthielt. Das 20-Punkte-Programm war unter anderem wegen Formulierungen, die Deutschland als Ganzes bzw. die „deutsche Nation“ betrafen und einen Sonderstatus der DDR definierten, die ihrerseits auf gleichwertige Anerkennung beharrte, nicht annehmbar. Im Weiteren beinhaltete das Programm Fragen der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten, einen Gewaltverzicht und die territoriale Integrität der beiden deutschen Staaten. Vgl. den Wortlaut „Grundsätze und Vertragselemente für die Regelung gleichberechtigter Beziehungen“. In: Bulletin der Bundesregierung, 1970, Seite 670-672.
Negativ-feindliche Diskussionen waren im Verhältnis zum Erfurter Treffen-bereits damals waren sie vom Umfang her gering- noch weiter zurückgegangen. Sie lassen keine territoriale und personelle Schwerpunktbildung erkennen, tragen den Charakter von Einzelerscheinungen und hatten keine Massenwirksamkeit.
Offensichtlich wurde ein Teil dieser „Argumente“ von Kommentaren westlicher Rundfunk- und Fernsehstationen übernommen. In ihrem Inhalt richteten sie sich fast ausschließlich gegen die Politik unserer (der DDR P.R.) Partei (SED P.R.) und Regierung bzw. direkt gegen die Leitung der DDR-Delegation, wobei sie bis zur Verleumdung führender Persönlichkeiten der DDR reichten.
Außerdem waren folgende Tendenzen vorherrschend:
Anlehnung an die Konzeption der Regierung der BRD und von Brandt unterbreitete Vorschläge.
Unterstützung der Bonner Ostpolitik hinsichtlich der „Politik der kleinen Schritte“.
Unterstellung, in der DDR würde nur von Entspannung geredet. In der Wirklichkeit ging es der DDR nicht um Verständnis, sondern um die Ausweitung ihres politischen Einflusses.
Diskriminierung der Friedenspolitik der DDR. Der DDR gehe es nicht um die europäische Sicherheit (Argument, sie würde durch den Auf- und Ausbau der NVA und der Grenzsicherungstruppen selbst zur Verschärfung beitragen), sie habe durch „sture“ Forderung nach völkerrechtlicher Anerkennung die Verhandlungen zum Scheitern verurteilt.
Unterstellung, eine völkerrechtliche Anerkennung der DDR bringe für den „einfache n Arbeiter“ keine Vorteile, sondern würde nur die Spaltung Deutschlands vertiefen.
Verleumdungen im Zusammenhang mit der freundschaftlichen Zusammenarbeit zwischen DDR und SU: Die DDR-Regierung sei völlig von der SU abhängig und dürfe selbstständig keine Entscheidung treffen.
Die „Politik der kleinen Schritte“ war neben dem „Wandel durch Annäherung“ Leitgedanke der neuen Ostpolitik, wie sie von Willy Brandt und Egon Bahr entwickelt worden war. Die „Politik der kleinen Schritte“ hatte Brandt erstmals am 18.03.1963 in seiner Regierungserklärung als Regierender Bürgermeister von Westberlin öffentlich als Maxime ausgegeben. Die Strategie von Brandt und Bahr, durch Verhandlungen schrittweise eine Annäherung zu erreichen, erwies sich 1970 mit den Begegnungen in Erfurt und Kassel sowie dem Abschluss bilateraler Verträge zwischen der BRD und der Sowjetunion bzw. Polens als erfolgreich. (Im Nachgang muss man sagen, dass auf Zeit gespielt wurde. Das ist schließlich gelungen. P.R.)
Einzelne negative Personen stellten „Vergleiche“ zwischen den beiden führenden Staatsmännern an und bezeichneten Willy Brandt gegenüber Willi Stoph als „redegewandter“ und „sicherer im Auftreten“. Brandt sei ein „wirklicher Staatsmann“ und eine „Persönlichkeit“. Vereinzelt wurde die Verbreitung politischer Witze festgestellt, die sich auf die Fahrt von Willi Stoph nach Kassel beziehen.
In roter Schrift erklärende Einschübe von Petra Reichel nach Fußnoten in der Abschrift vom Bundesarchiv.
Der Inhalt der Einschübe entstammt mehrheitlich vom Bundesarchiv (Fußnoten) und entspricht nicht immer der Meinung von Petra Reichel.
Ein historisches Ereignis nach einem Dokument des MfS wiedergegeben. Leider ist nur ein Faksimile der ersten Seite des Dokuments vorhanden. Ansonsten gibt es nur die die Abschrift aus dem Bundesarchiv.
Absichten reaktionärer Kräfte zum Besuch in Kassel
Anlässlich des Treffens des Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, Willi Stoph, mit dem Bundeskanzler der BRD, Willy Brandt, am 21.05.1970 in Kassel planten rechte, nationalistische und revanchistische sowie linksradikale, anarchistische Kreise eine Anzahl gegen die DDR und gegen die DDR-Delegation und Willi Stoph persönlich gerichtete Aktionen.
Nach dem Treffen der Regierungschefs der BRD, Willy Brandt, und der DDR, Willi Stoph, zu einem ersten Gipfeltreffen in Erfurt, fand am 21.05.1970 in Kassel ein Folgetreffen statt. Diese Begegnungen waren Ausdruck der „Neuen Ostpolitik“ der Bundesregierung. Konkrete Beschlüsse brachten die Treffen nicht. In Reaktion auf diese Situation schlug Willi Stoph eine „Denkpause“ und die Aussetzung weiterer Gespräche vor. Erst im November 1970 wurden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Im Nachhinein kann man sagen, dass diese Treffen der erste „Sargnagel“ für die DDR waren. Doch damals schöpfte man in der BRD und der DDR Hoffnungen auf Frieden und Verständigung.
Obwohl einzuschätzen ist, dass eine Vielzahl der geplanten Vorhaben nicht umsetzbar waren, wurden unter Berücksichtigung der Sicherheitsinteressen der DDR-Delegation alle Hinweise auf mögliche Provokationen, Störmanöver usw. ernstgenommen. In diesem Zusammenhang ist besonders darauf hinzuweisen, dass internen Informationen (des MfS P.R.) zufolge Führungskräfte der westdeutschen Polizei teilweise stärker auf die geplanten Aktionen progressiver Organisationen sowie auf die erwarteten Auseinandersetzungen dieser Organisationen mit reaktionären Kräften orientierten als auf die Absicherung der Verhandlungsdelegation und des Verhandlungsortes.
Nachstehend eine Übersicht über die dem MfS in diesem Zusammenhang intern offiziell bekannt gewordenen feindlichen Plänen und Absichten:
Der Schwerpunkt der geplanten feindlichen Maßnahmen lag im Raum Kassel, wo besonders am 21.05. 1970 bzw. bereits am Vorabend des Verhandlungstages sogenannte Protestdemonstrationen, Hetzkundgebungen und andere Provokationen stattfinden sollten.
Im Vorfeld und während des Besuches von Willi Stoph kam es im Raum Kassel zu mehreren großen und zum Teil auch gewaltsamen Protesten, die von verschiedenen Gruppen aus dem konservativen und rechtsradikalen Lager organisiert wurden, sowie zu Gegendemonstrationen aus dem linken Spektrum.
Als unmittelbare Initiatoren und Veranstalter sollten insbesondere die NPD, die Junge Union und revanchistische Organisationen in Erscheinung treten. Darüber hinaus wurden dem MfS zum damaligen Zeitpunkt folgende Einzelheiten bekannt:
In der „National-Zeitung“, Ausgabe Nr. 19 vom 08.05.1970, wurden Leserstimmen veröffentlicht, die auffordern, „unter Führung der CDU/CSU, der Leiter der Vertriebenenverbände“, des „Deutschen Soldatenbundes“ und „aller freiheitlich Gesinnten“ in „Massen“ nach Kassel zu kommen.
Die „National-Zeitung“ war eine zwischen 1950 und 2019 erschienene rechtsradikale Wochenzeitung.
Der Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Kyffhäuserbund war bis 1945 Dachverband der Kriegervereine, wurde aufgrund seiner Nähe zum Nazi-Regime bei Kriegsende verboten und 1952 in der BRD als Deutscher Soldatenbund (Kyffhäuserbund) wiedergegründet.
Der damalige NPD-Vorsitzende von Tadden erklärte offiziell demagogisch, dass am Tage des Treffens selbst die NPD in Kassel keine Aktionen veranstalten werde. Die NPD wolle jedoch auf einer Kundgebung in Kassel am Abend des 20.05.1970 „gegen die Anerkennung der deutschen Teilung und für das Recht des deutschen Volkes auf Selbstbestimmung“ eintreten. Auf einer Hetzkundgebung wollte von Tadden selbst sprechen. Nach inoffiziellen Hinweisen plante die NPD außer der Kundgebung am Abend des 20.05.1970 eine Demonstration in Kassel unter der Teilnahme von Mitgliedern aus dem Bundesgebiet. Nach internen Hinweisen wollte die NPD ihren sogenannten Ordnungsdienst neu organisieren und in Kassel einsetzen. Vorbereitungen wären im Gange.
Adolf von Tadden war ein rechtsextremer Politiker, 1939-1945 Kriegsdienst, 1945/46 Haft in Polen mit anschließender Flucht nach Deutschland, 1947 Eintritt in die rechtsextreme Deutsche Rechtspartei, 1950 Mitbegründer der Deutschen Reichspartei, 1961-64 deren Vorsitzender, 1964 Mitbegründer der NPD, 1967 – 71 deren Vorsitzender, 1964-72 Herausgeber des NPD-Parteiorgans „Deutsche Nachrichten“, ab 1975 Chefredakteur der „Deutschen Wochenzeitung“.
Eine „lautlose Demonstration“ in Form einer „Schweigefahrt“ mit dem PKW wollten – wie intern bekannt wurde- die NPD-Landesverbände Hessen und Bayern durchführen. Die Fahrzeuge sollten mit Hetzlosungen versehen werden („Kein freies Geleit für Mörder“, „Freiheit für unsere Brüder“, „Raus mit Stoph“ usw.). Sollte diese Demonstration nicht genehmigt werden, wollten sich diese NPD-Gruppen unter Umständen Demonstrationen der CDU7CSU anschließen, ohne sich äußerlich zu erkennen zu geben.
Rechtsextremistische Kreise, besonders aus der NPD, haben in Flugblättern zu einer „Gesamtdeutschen Aktion“ Willi Stoph in Kassel aufgerufen. Es wird gefordert, unter „Freunden und Bekannten“ für eine Demonstration“ am 21.05.1970 zu werben und an vorgesehene Adressen namentlich mitzuteilen, wer daran teilnimmt. Weiterhin wird in dem Flugblatt aufgefordert, „Vorschläge für Aktionen in Kassel“ zu machen.
Die Junge Union plante am Vorabend der Begegnung in Kassel einen „Schweigemarsch“. In dem Zug-es wurden etwa 3 000 Mitglieder erwartet- sollten 535 Fackeln getragen werden. (Die Zahl würde den Toten „der Mauer und Demarkationslinie“ entsprechen.) Die Initiative für diese Provokation ging von den Landesverbänden Hessen und Westberlin aus, die dazu ein Aktionskomitee „Wir gehen nach Kassel“ unter Vorsitz von Wohlrabe (MdB/CDU) geründet und alle Landesverbände der Jungen Union in Westdeutschland aufgefordert haben, an der Demonstration teilzunehmen. In Westberlin sollten ca. 500 Mitglieder für die Teilnahme gewonnen werden. Etwa 1 200 Anmeldungen aus Westdeutschland und Westberlin würden bereits vorliegen. Für die gesamte Aktion stellten die CDU und der Bundesvorstand der Jungen Union 350 000 DM zur Verfügung.
Jürgen Wohlrabe, Jahrgang 1936, CDU-Politiker, ab 1958 in der Studentenbewegung der CDU, 1979-95 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Westberlin, 1989-91 Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses.
Der neue SPD-Informationsdienst „intern“ berichtete in seiner ersten Nummer vom 10.05.1970, dass der Bundesvorstand der CDU erwäge, in Kassel durch eine Plakataktion „Akzente zu setzen“. Auf den Plakaten soll der Bonner Regierung „Verzichtsausverkaufspolitik“ vorgeworfen werden
Der Informationsdienst „intern“ wurde zwischen 1970 und 2017 als Nachfolger der „bonner depeschen“ vom Bundesvorstand der SPD herausgegeben.
Auf einer Bundesvorstandssitzung des „Freundeskreises der CSU“ seien nach Mitteilung einer zuverlässigen Quelle folgende Maßnahmen festgelegt worden:
Blockierung der Fahrstrecke vom Bahnhof Wilhelmshöhe bis zum Tagungsort am 21.05.1970 durch Organisierung von Sitzstreiks;
Aufstellung von schwarzen Kreuzen und Hetzplakaten (Darstellung der Sicherungsanlagen der Staatsgrenze der DDR) sowie Organisierung von Sprechchören;
Druck von 10 000 Hetzflugblättern, in denen gegen Willi Stoph gehetzt werden soll.
Die Kirche hatte die Absicht, in Kassel auf einem größeren Platz, zusammen mit der Inneren Mission ein großes Zelt aufzustellen und darin Veranstaltungen durchzuführen. (Derselbe Standort für die Errichtung eines Zeltes sei der DKP abgelehnt worden.)
Der „Bund der Vertriebenen“ wollte am 21.05.1970 demonstrieren. Einen entsprechenden Antrag auf Genehmigung habe er an den Kasseler Magistrat gestellt. Weitere Einzelheiten lagen zum damaligen Zeitpunkt nicht vor.
Der Bund der vertriebenen Deutschen (BVD, seit 1954) wurde 1949 von Linus Kather als Zentralverband der vertriebenen Deutschen gegründet. Im Jahre 1957 schloss sich der BVD mit dem Verband der Landsmannschaften zum Bund der Vertriebenen – Vereinigte Landsmannschaften und Landesverbände zusammen.
Die „Vereinigung der Opfer des Stalinismus“ (VOS) hatte ebenfalls die Absicht, am 21.05.1970 in Kassel zu demonstrieren. Es sollte ein Demonstrationszug von etwa 200 Mitgliedern organisiert werden, die in Häftlingskleidung auftreten sollten.
Die „Vereinigung der Opfer des Stalinismus“ wurde 1950 in Westberlin gegründet. Sie betreute vormals in sowjetischen Lagern und Haftanstalten inhaftierte sowie kriegsgefangene Deutsche und setzte sich für die Aufarbeitung der diktatorischen Herrschaft primär in der DDR ein. (Ach das kennen wir ja. Die Opferverbände – heute gehören sie zu den Siegern der Geschichte. P.R.)
Der Westberliner Landesvorstand der „Vereinigung 17. Juni 1953“ hatte die westdeutschen Landesverbände aufgerufen, am 21.05.1970 nach Kassel zu kommen. Das Ziel bestand darin, etwa 2000 Mitglieder für Kassel zu mobilisieren. Es sollte erreicht werden, dass die Mitglieder der Vereinigung aus „Protest“ die Anfahrtsstrecke zum Tagungsort blockieren. Weiterhin sollten Lautsprecherwagen eingesetzt werden. Darüber hinaus wurde eine Flugblattaktion vorbereitet.
Aus dem „Komitee 17. Juni“, das aus Aktivisten des „Aufstandes“, die sich durch Flucht in den Westen ihrer Verantwortung entzogen haben, hervorgegangener, im August 1957 gegründeter Verein, der sich besonders nach dem 13.08.1961 antikommunistischer Propaganda, der Ablehnung von Verständigungs- und Entspannungsbemühungen westlicher Politiker und militanter Übergriffe auf Funktionäre und Büros der SEW oder Repräsentanten der DDR und UdSSR widmete.
Außer den bisher genannte Aktionen der von rechten Kräften entfachten Atmosphäre der Morddrohung hatten Personen aus Westdeutschland an Willi Stoph Drohbriefe gerichtet. So hatte jemand aus Mannheim Willi Stoph angedroht, er werde „auf dem Boden von Kassel von Scharfschützen abgeschossen“.
Strafantrag gegen Willi Stoph haben außer Gerhard Frey (Herausgeber der „National-Zeitung“) folgende Personen gestellt:
Pöhlmann (stellv. NPD-Bundesvorsitzender und NPD-Fraktionsvorsitzender im bayrischen Landtag)
Heinze (NPD-Abgeordneter aus Augsburg)
Kuhnt (Fraktionsvorsitzender der NPD vom Landtag Baden-Württemberg)
Stöckicht (stellvertretender NPD-Fraktionsvorsitzender vom Landtag Baden-Württemberg)
Und noch Einer aus Starnberg/Bayern
Wie eine vertrauenswürdige Quelle berichtete, hatten auf dem Landesparteitag der NPD von Nordrhein-Westfalen am 25. und 26.04.1970 einzelne Delegierte Drohungen gegen Willi Stoph geäußert. So erklärte das 1968 im Zusammenhang mit einem bewaffneten Überfall auf das DKP-Büro in Bonn bekanntgewordene NPD-Mitglied Hengst, Bernd, es sei für ihn „Ehrensache“ nach Kassel zu reisen, denn er wolle Stoph „persönlich ohrfeigen“.
Am 02.10.1968 verübte der Rechtsextremist Bernd Hengst einen bewaffneten Überfall auf ein DKP-Büro in Bonn.
Bernd Hengst Jahrgang 1943, NPD-Politiker, 1967/68 bis zu seiner Verhaftung am 13.02.1971 führender Kopf der „Wehrsportgruppe Hengst“, einer rechtsterroristischen Vereinigung, die Anschläge plante und verübte.
Das Mitglied der Gewerkschaftsorganisation „Christlicher Metallarbeiterverband“ im Volkswagenwerk Baunatal bei Kassel, äußerte nach offizieller Darstellung der DKP: „Wenn es schon keine Handhabe gibt, den Stoph zu verhaften, so wird sich ein deutscher Mann finden, der hinter dem Zielfernrohr den Finger krumm macht.“
Gemeint ist die 1899 gegründete „Christliche Gewerkschaft Metall“, die zum Christlichen Gewerkschaftsbund gehört.
Es lagen Informationen darüber vor, dass neben rechtsextremistischen Kräften auch linksradikale, anarchistische Kreise um die „Internationale Arbeiterkorrespondenz“ in Frankfurt/Main versuchen unter den Funktionären des DGB und der SPD Stimmung zu machen für Parolen, wie „Zwingt Brandt und Stoph am 21. Mai Farbe zu bekennen“.
„Internationale Arbeiterkorrespondenz“ ist der Name einer trotzkistischen Zeitschrift, die von 1965 bis 1981 erschien.
Auch die „Kommunistische Partei Marxisten-Leninisten“ trat gegen das geplante Treffen in Kassel auf. Eine ihrer Losungen lautete: „Stoph und Brandt: Verräter der deutschen Arbeiterklasse“. Mit solchen Losungen planten die sogenannten Marxisten-Leninisten sowie Trotzkisten in Kassel aktiv zu werden (nähere Einzelheiten waren zum damaligen Zeitpunkt nicht bekannt).
Die Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten war eine westdeutsche kommunistische Kleinpartei, die 1968 in Hamburg gegründet wurde und sich zunächst an das maoistische China, später an Albanien anlehnte. Sie ging 1986 in der Vereinigten Sozialistischen Partei auf. (Das war eine der damaligen K-Gruppen, aus denen später Politikerinnen und Politiker der SPD und der GRÜNEN hervorgegangen sind. P.R.)
Nach einer internen, nicht bestätigten Information sollten die Kubaner Jorge Fraga, Regisseur aus Havanna, und Alfredo Guevara, Präsident des ICAIC (Kubanisches Institut für Filmkunst und Filmindustrie, gegründet 1959, größte staatliche Filmgesellschaft Kubas), anlässlich der Dokumentar- und Kurzfilmwoche (11.-18.04.1970 in Oberhausen) zum Ausdruck gebracht haben, dass sie es begrüßen würden, wenn auf Stoph geschossen würde. Die Kubaner erklärten, die „Linken“ wären klug, wenn sie einen solchen Anschlage inszenierten, da dann die wirklichen Zustände in der BRD zur Oberfläche kämen. (Eigenartige Logik- P.R.)
Geplante Störmaßnahmen und Hetzkundgebungen, die über den Raum Kassel hinausgehen, wurden seitens der NPD nicht bekannt. Im Einzelnen handelt es sich um
Abbrennen von „Mahnfeuern“ entlang der Staatsgrenze zur DDR am Vorabend des Treffens. Dazu will die NPD die Landsmannschaften und andere revanchistische Organisationen mobilisieren.
Durchführung von Hetzkundgebungen in einigen-zum damaligen Zeitpunkt unbekannten- westdeutschen Städten.
Verteilung von Hetzflugblättern in Westdeutschland.
Vom MfS wurden die notwenigen Maßnahmen zur weiteren Aufklärung der feindlichen Pläne, Absichten und Maßnahmen eingeleitet.
Der Inhalt der Einschübe entstammt mehrheitlich vom Bundesarchiv (Fußnoten) und entspricht nicht immer der Meinung von Petra Reichel.
Nachbemerkungen von Petra Reichel
Dass damals in der BRD im Vorfeld eines Staatsbesuchs nicht die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen geplant und durchgeführt wurden, ist aus heutiger Sicht verwunderlich.
Die „Hau-drauf“- und „Hau-Ruck“- Methoden gegen die DDR hatten keinen Erfolg. Allerdings hatten die damals Verantwortlichen der DDR übersehen, dass die indirekte Strategie, die DDR von innen zu erodieren, auf lange Zeit Erfolg hatte.
Ich fasse die Lösungen zusammen, denn warum soll im Nachhinein ein Lebenslauf für einen Menschen geschrieben werden, der längst in Rente ist, soweit er noch lebt?
Wozu die Lebensstationen in einer Karte einzeichnen? Das ist fächerübergreifend und geht in Richtung Geografie. Das finde ich überflüssig.
Am Anfang der DDR gab es die Arbeiter- und Bauernfakultäten. Das Bildungsmonopol für die Wohlhabenden und Akademiker wurde gebrochen. Arbeiter und Bauern sollten auch eine höhere Bildung erlangen und studieren. In qualifizierten Bereichen brauchte die DDR in möglichst kurzer Zeit gebildete Menschen während der Aufbauphase, um qualifizierte Stellen zu besetzen. Die KPD ermöglichte auch Menschen aus Westdeutschland sich an den Arbeiter- und Bauernfakultäten zu bilden.
Später gab es für Westdeutsche Parteischulen. Diese waren ausschließlich auf politische Bildung ausgerichtet. Die Schülerinnen und Schüler waren internatsmäßig untergebracht und hatten kaum Kontakt mit der Bevölkerung.
Warum half Meisner dem MfS? Er wollte kein Geld und tat dies auf Überzeugung. Ich denke, es ging ihm um die Erhaltung des Friedens.
Es soll spekuliert werden, wie das Leben von Wilhelm Meisner weiter verlaufen ist.
1. Variante: Er heiratet seine Verlobte, von der in den Dokumenten die Rede ist und lässt sich mit ihr in der DDR nieder. Er arbeitete weiterhin für das Institut für Publizistik, soweit es noch bestand. In dieser Richtung gab es in der DDR gewiss weiterhin gute Stellen in der DDR. Wie es während und nach der Konterrevolution weiterging ist schwer zu sagen. Hoffentlich hat(te) er da schon Rente.
2. Variante: Er heiratet seine Verlobte, von der in den Dokumenten die Rede ist und lässt sich mit ihr in seiner Heimat in Bayern nieder. Nun war er arbeitslos. 1956 war er vom KPD-Verbot betroffen und musste in den Knast. Für seine Tätigkeit für das MfS erfolgte keine Strafe, da es um öffentliche Dinge und nicht um den Verrat von Staatsgeheimnissen ging. Nach Gründung der DKP wurde er dort Mitglied und fand eine politische Heimstatt. Während und nach der Konterrevolution blieb er Mitglied der DKP und war, bzw. ist ein Veteran. Über seine Tätigkeit für das MfS ließ er weder bei der KPD noch bei der DKP etwas verlauten, um die Parteien und auch sich nicht zu gefährden. Vermutlich wären die Parteien nicht mit der Tätigkeit für das MfS einverstanden gewesen und hätten Wilhelm Meisner ausgeschlossen. So konnte spätestens nach Veröffentlichung der Akte Wilhelm Meisner kein Mitglied mehr in der DKP gewesen sein.
Lesen Sie Dokument 1 und fassen Sie Kurz Meisners Lebenslauf zusammen.
Zeichnen Sie in eine Deutschlandkarte die Orte seiner Lebensstationen ein.
Stellen Sie in einer Tabelle Meisner Lebenslauf- bis zum Ende seiner Tätigkeit für das MfS – die politischen Ereignisse in Deutschland gegenüber.
Lesen Sie Dokument 2 und überlegen Sie, weshalb Meisner von sich aus seine Beobachtungen meldete. Diskutieren Sie, was er mit seinen Meldungen bewirken wollte.
Arbeiten Sie aus den Dokumenten 3 und 4 in kurzen Stichworten heraus, was das Ministerium für Staatssicherheit in Regensburg und Umgebung besonders interessierte – und wie Meissner seinen Auftrag ausführte.
Nach dem Abbruch der Verbindung steht über Meisners weiteren Lebensweg nichts mehr in den Stasi-Akten. Formulieren Sie aufgrund Ihrer Kenntnisse Meisners wie auch der deutschen Geschichte nach 1953 zwei fiktive Lebensläufe, wie sein Leben nach 1953 bis in die Gegenwart verlaufen sein könnte. Stellen Sie die Lebensläufe zur Diskussion, welcher Ihnen und Ihrer Klasse als der realistischere erscheint.
Bericht über eine Absprache auf der Interzonenpassstelle
Leipzig, den 02.12.1952
Betrifft: Meisner, Wilhelm,
geb. am (geschwärzt) 1928 in Hof am Rege/Regensburg
wohnhaft: Leipzig (der Rest geschwärzt)
Nationalität und Staatsangehörigkeit: deutsch (damals legte man noch nicht wert auf die eigenen Staatsbürgerschaften der DDR und der BRD).
Schulbildung: Volks-Berufsschule und Arbeiter- und Bauernfakultät
Erlernter Beruf: Bootsmann
Jetzige (damalige) Tätigkeit: Student
Arbeitsstellte: Institut für Publizistik, Leipzig 83, Tieckstr. 2-6
Schulbildung:
1935-43 Volksschule in Steffling/Bayern
1949-52 Arbeiter- und Bauernfakultät in Berlin
1952 bis jetzt (damals) Institut für Publizistik in Leipzig.
Arbeitsstellen:
Nach dem Besuch der Volksschule lernte Meisner als Schifferlehrling beim Bayrischen Loyd. 1943 bis 46 lernte er so das gesamte Donaugebiet und die Donauschifffahr kennen. Nach Beendigung der Lehre wurde er entlassen. Bis 1949 arbeitete er so als Hilfsarbeiter und Gelegenheitsarbeiter in der Landwirtschaft und in kleineren Betrieben im Gebiet von Regensburg. Durch die KPD wurde er 1949 zum Studium an der Arbeiter- und Bauernfakultät nach Berlin delegiert. Im Juni-Juli machte er sein Abitur und kam dann zum Studium an das Institut für Publizistik in Leipzig.
Politische Vergangenheit:
Bei seiner Lehrzeit und vor allem danach hatte er Verbindung zu Funktionären der KPD. Er nahm regelmäßig an Versammlungen und Unternehmungen der KPD in Regensburg teil. Er kannte persönlich den Kreissekretär der KPD der ihn von der Richtigkeit der Politik der DDR überzeugte. Auch unter den Jugendlichen hatte er zahlreiche Freunde, die ihn im fortschrittlichen Sinne beeinflussten. Obwohl er politisch in Westdeutschland nicht organisiert war, delegierte ihn die KPD zum Studium. In Berlin wurde er am 1. X.1949 (1. 10.1949 – in der DDR hatte man es mit den römischen Zahlen) Mitglied der FDJ, GDSF (Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft) und des FDGB. Meisner übte verschiedene Funktionen aus. Unter anderem war er Zirkelsekretär und Wandzeitungsredakteur.
Jetzt ist (damals war) er noch Mitglied der GST und der DS. Er beabsichtigt einen Antrag auf Kandidatur in der SED zu stellen. Er ist Mitglied der zentralen FDJ-Leitung der Universität Leipzig und Chefredakteur des zentralen Betriebsfunks der Universität. Nach dem 3-jährigen Studium soll er voraussichtlich eine Stellung als Redakteur der KPD-Zeitung „Bayrisches Volksecho“ in München antreten. Meisner ist außerordentlich von seinem Studium befriedigt. Es macht ihm viel Freude und er stellt sich den Beruf der Redakteur(e) und Journalisten interessant vor.
Nächste Abschnitte unleserlich.
In der Nähe seiner Heimat liegt der Truppenübungsplatz Hohenfels-Farsberg. Aus diesem Grunde sind in der Gegend viele Besatzungstruppen zu sehen. Meisner ist in seinem Heimatort als fortschrittlich bekannt. Aus diesem Grunde hat er auch vom Gemeindeschreiber keine Aufenthaltsgenehmigung für die Weihnachtsferien bekommen. Da er aber nicht Mitglied einer Organisation war muss es ihm möglich sein, sich von diesem Ruf zu lösen.
Meisner hat in Leipzig eine Verlobte, die er in Berlin als Tochter seiner Vermieter kennengelernt hatte. Diese Verlobte lebt mit ihren Eltern im Streit und ist deshalb vollkommen auf seine Unterstützung angewiesen. Er beabsichtigte mit ihr den Weihnachtsurlaub zu verbringen.
Meisner scheint intelligent und ehrlich zu sein. Er macht einen sicheren aber höflichen Eindruck. Er sprach gewandt aber nicht ohne etwas Nervosität. (Für einen BRD-Bürger ist das eine schwerwiegende Entscheidung und ein „großes Ding“. Da ist die Nervosität in diesem ersten Gespräch völlig normal.)
Es wird vorgeschlagen den Meisner als Informator für seine Tätigkeit im Institut für Publizistik zu werben. Sobald man ihn etwas näher kennengelernt hat, dann erwogen werden, ob er für eine Arbeit in Westdeutschland geeignet ist. Prinzipiell zu beobachten wäre, dass Meisner noch fast 3 Jahre in Leipzig zu studieren hätte.
Unterzeichnet von Geyer und Hutschenreuter
(Das in Klammern gesetzte kursiv geschriebene ist zum besseren Verständnis von Petra Reichel eingesetzt worden.)
Bezirksverwaltung Leipzig – Abteilung II.- Leipzig, den 20.01. 1953
Bericht
Betrifft: Meisner, Wilhelm
Am 19.01.1953 meldete sich Meisner auf der Interzonenpassstelle. Er berichtete anschließend auf dem VPKA (Volkspolizei-Kreisamt) folgende Beobachtungen, die er bei seinem Aufenthalt in Westdeutschland gewann:
Er hat festgestellt, dass der Bahnhof Farsberg (Truppenübungsplatz Hohenfels-Farsberg) erweitert wird. Es werden zahlreiche neue Gleisanlagen, Laderampen und Unterführungen gebaut-Außerdem sind große Zufahrtsstraßen zum Bahnhof angelegt worden. Am Bahnhof wird Tag und Nacht gearbeitet.
Die Regentalstraße die nach der CSR (später CSSR, heute Tschechien) führt wird in voller Länge erneuert und teilweise verbreitert. Die Straße wird bis unmittelbar an die Grenze (Fürth im Walde) asphaltiert. Vor einigen Monaten war auf den Grenzstraßen auch in der Grenznähe auf der Regentalstraße sehr wenig Verkehr. Jetzt ist dort bis in die unmittelbare Grenznähe ein sehr starker Verkehr von schweren amerikanischen Lastwagen und Omnibussen. Die Lastwagen sind mit Planen verdeckt, so dass deren Last nicht zu sehen ist.
Die Infanteriekasernen in Regensburg werden erweitert und zahlreiche neue Gebäude gebaut. In diesen Gebäuden befindet sich die sogenannte Westdeutsche Grenzschutzpolizei. Es werden dort laufend neue „Polizisten“ einquartiert. 500 Meter davon entfernt sind die amerikanischen Kasernen. In diesen Kasernen sind vor allem junge Farbige untergebracht, die zu Übungen usw. nach Grafenwöhr gebracht werden. Im ganzen Gebiet sind neue amerikanische Truppen eingetroffen. Die Ausschreitungen der Truppen und die Zusammenstöße mit der Bevölkerung haben sich vermehrt. Die Bevölkerung verhalte sich gleichgültiger und träger als früher. Man habe sich bereits an die Zustände gewöhnt. Besonders trägt zu der passiven Haltung die außerordentliche starke Hetze und Verleumdung gegen die DDR und SU bei. Die Kirche ist in dieser Hinsicht ein Hauptantreiber.
Wie er durch einen Freund erfahren hat, bekommt die deutsche Grenzpolizei durch Amerikaner in Grafenwöhr jetzt unter anderem eine Ausbildung an Panzerspähwagen. Dieser Freund stammt aus dem Heimatort des Meisner und ist ihm aber wie viele nur mit Vornamen bekannt. Er hat noch verschiedene Freunde, die jetzt bei der Bereitschaftspolizei sind. Besonders sein Bruder steht mit denen in Verbindung und kann von ihnen Dinge erfahren. Die Werbung für die Polizei ist sehr intensiv und auch erfolgreich. Weiterhin bemerkte er, dass der Flugplatz bei Cham erweitert und ausgebaut wird. Auch dort sind neue Truppe. Er hat noch einen Bekannten (Name geschwärzt), der Automechaniker bei einer Einheit der Bereitschaftspolizei in der Nähe von Stuttgart sei. Auch dort würde die „Polizei“ zur Zeit an Panzerspähwagen ausgebildet. Die politische Schulung wäre jetzt bei der eingeführt. Hauptinhalt der Schulung ist eine Hetze gegen die DDR und SU. Mit der (Name geschwärzt) sei er bekannt (in Hof). Der (Name geschwärzt) sei Angestellter bei einer amerikanischen Dienststelle.
Nach seinen eigenen Beobachtungen ist die nächste CIC-Dienststelle in Regensburg, Landshuter Straße..Auch der BVSA sein in Regensburg. In der Straubingstraße in Regensburg sei ein „Flüchtlingslager“:
Bei seinem letzten Aufenthalt hat Meisner bei A (Rest des Namens geschwärzt) gewohnt. Der A. beschafft ihm die Aufenthaltsgenehmigung. A. sei in der Gegend einflussreich und will ihm einen westdeutschen Personalausweis beschaffen. Da Meisner zusammen mit einem Studienkameraden eine Schrift über Jugendkriminalität in Westdeutschland schreiben will, wird ihm sein Onkel eine Möglichkeit verschaffen, das Zuchthaus für jugendliche Schwerverbrecher in Straubing zu besuchen. Dicht daneben sie das amerikanische Militärzuchthaus.
Meisner möchte Ostern wieder nach Westdeutschland und erklärte sich aus freien Stücken bereit dem Ministerium (für Staatssicherheit) behilflich zu sein. Er versicherte mehrfach, dass wir ihm vertrauen können.
Der nächste Treff wird brieflich vereinbart. Er bekam die Telefonnummer 31 669.
Die Schweigeverpflichtung schrieb er ohne Zögern, obwohl er zuerst eine Art Misstrauen darin sah.
Meisner hinterließ den Eindruck eines klugen, energischen, ehrlichen und sehr beweglichen Menschen. Er ist zur Mitarbeit sehr bereitwillig und trotzdem auf seine Sicherheit bedacht.
Unterzeichnet
Geyer und Hutschenreuter
(In Klammern und Kursivschrift Hinzufügungen von Petra Reichel zum besseren Verständnis.)
Meisner, Wilhelm, geb. (geschwärzt) 1928 in Hof am Regen, fährt am 28.03.1953 auf ca. 8 Tage nach Westdeutschland zu seinen Eltern, die (Wohnort geschwärzt) wohnen. Meisner verbringt dort seine Osterferien und nimmt an der Hochzeit seines Bruders in Grafenwiesen Kreis Regensburg teil.
Bei seinem Aufenthalt soll er zugleich im Rahmen seiner Möglichkeiten feststellen, welche
Dienststellen des amerikanischen Geheimdienstes im Kreis Regensburg, sich befinden. Nach Möglichkeit die Lage der Dienststellen, feststellen und welches Personal auf diesen Dienststellen tätig ist.
Welche militärischen Objekte befinden sich im Bezirk Regensburg? Dabei ist besonders acht zu geben in der Nähe des Truppenübungsplatzes Hohenfels/Farsberg und des Flugplatzes Cham. Hier interessiert der Charakter, Lage und Beschaffenheit dieser Objekte. Welche Einheiten befinden sich in dem Objekt und wie sind diese ausgerüstet? Zahl der dort stationierten Truppen.
Welche Veränderungen werden an den Verkehrsverhältnissen im Bezirk Regensburg vorgenommen? (Straßenbauten in Richtung der CSR (später CSSR, heute Tschechien) -Grenze, Eisenbahnbauten). Zu welchem Zweck erfolgen diese Veränderungen und wo werden sie vorgenommen? Umfang dieser Bauten.
Welche Polizeidienststellen offiziellen und geheimen Charakters der Bundesregierung befinden sich im Kreis Regensburg? Genaue Lage dieser Dienststellen, Art der Dienststellen und wenn möglich, welches Personal ist dort tätig?
Wo befinden sich im Kreis Regensburg westdeutsche Söldnereinheiten? Womit sind sie ausgerüstet, welche Ausbildung erhalten sie?
Meisner soll diese Feststellungen im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten durch eigene Beobachtungen und unter Ausnützung der Kenntnisse seiner Eltern, Bruders und seines Onkels, die alle im Kreis Regensburg wohnen, treffen.
Meisner soll keine ihm unbekannten Personen in dieser Hinsicht befragen. Bei eigenen Beobachtungen von militärischen Objekten muss der Aufenthalt in der Nähe solcher Objekte jederzeit gerechtfertigt und natürlich wirken. Meisner soll unter keinen Umständen Beobachtungen treffen die seine Person gefährden könnten.
Sollte er bei seinem Aufenthalt in Westdeutschland von Organen der westlichen Besatzungsmacht oder der deutschen Behörden vernommen werden, darf er in keinem Fall seine Verbindung zum Ministerium für Staatssicherheit preisgeben. Über seinen Aufenthalt in Westdeutschland eventuell befragt, muss er angeben, dass er nur zum Zweck der Hochzeit seines Bruders teilzunehmen, sich in Westdeutschland aufhält. („Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts.“)
Sein Verhalten in Westdeutschland garantiere ihm persönliche Sicherheit.
Nach seiner Rückkehr nach Leipzig muss er sofort das MfS verständigen.
Am 28.03.1953 fuhr ich mit dem Interzonenzug von Leipzig über Probstzella-Ludwigstadt nach Nürnberg. Von dort weiter nach Regen am Hof. Die Kontrolle von Seiten der Volkspolizei war wie üblich. Von Seiten der westlichen Zollbehörden stellte ich dieses Mal sechs bis sieben Mann fest, welche kontrollierten. Einer von diesen fragte sich wo der Interzonenpass ausgestellt sei. Ich sagte ihm in Leipzig. Er fragte darauf ferner wo ich die doppelte Ausführung meiner Aufenthaltsgenehmigung hätte. Ich entgegnete ihm, dass ich nur eine habe. Von Ludwigstadt fuhr ich gegen 2:36 Uhr weiter nach Hof am Regen, wo ich gegen 10:00 Uhr am 29.03.1953 eintraf. Am gleichen Tage hatte mein Bruder Hochzeit an der ich teilnahm. Ich blieb bei meinen Eltern bis einschließlich 05.04.1953. Von hier aus fuhr ich nach Berlin über die Grenzorte Ludwigstadt-Probstzella. Der Grenzübertritt war normal auf beiden Seiten, er erfolgte ohne Beanstandung. In Berlin besuchte ich meine Braut bis einschließlich Donnerstag, den 09.04.1953. Von hier aus führ ich mit meiner Braut nach Leipzig zurück.
Während meines Aufenthaltes in Hof am Regen sind mein Bruder und ich nach Cham mit dem Motorrad gefahren. Mein Bruder hatte in Cham in der Lagerhausgenossenschaft etwas zu erledigen. Bei diesem Besuch stellte ich fest:
Im Rodinger Forst, wo die ehemaligen Messerschmidt-Zweigwerke standen, werden von den Amerikanern große Materiallager angelegt. Ein großes Gebiet ist eingezäunt und es ist unmöglich dies zu betreten. Dieses Lager befindet sich ca. 35 bis 40 km von der Staatsgrenze der CST (später CSSR, heute Tschechien). Dieses erzählte mir mein Bruder (Name geschwärzt). Mein Bruder erzählte mir ferner, dass im Haidhof, im Forst Kreis Burgenlangenfeld, ebenfalls amerikanische Waffenlager angelegt wurden. Den Umfang des Lagers kannte mein Bruder nicht. In Cham selber wurde der Flugplatz weiter ausgebaut. Ich beobachtete, dass dort zwei zweimotorige Flugzeuge auf dem Paltz standen, während die anderen Maschinen in den Flughallen untergebracht waren. Mein Bruder berichtete mir noch, dass in der Nähe des Flugplatzes sehr bald Kasernen gebaut werden sollen.
In der Gegend von Regensburg -Neustadt. Abensberg (Niederbayern) -Krw. Kelheim, befindet sich ein großer Übungsplatz für amerikanische Düsenflugzeuge. Der Übungsplatz befindet sich schon seit der Nazizeit dort. Nach Kriegsende erhielten die Bauern die Wälder wieder zurück und 1948 haben die Amerikaner die Wälder wieder beschlagnahmt. Sie sind bestrebt diesen Übungsplatz ständig zu vergrößern. Diesen Platz sah ich in den letzten Jahren wiederholt, zum letzten Mal im Sommer 1952-
In Parsberg bei Regensburg wurden inzwischen neue Gleisanlagen auf dem Bahnhof gelegt. Ich beobachtete drei bis vier Gleisanlagen. Ich sah auf dem Bahnhof amerikanische Soldaten, die aus einem Güterzug größere Kisten auf Lastwagen verluden. Zu diesen neuen Gleisanlagen wurden Anfahrtsstraßen gebaut.
In Regensburg besuchte ich meinen Freund (Name geschwärzt), ca. 19 Jahre alt, von Beruf Steinsetzerlehrling, wohnhaft in Regensburg, (Straße und Hausnummer geschwärzt) ist KPD-Genosse und gilt als zuverlässig. (Name geschwärzt) erzählte mir:
Die CIC-Dienststelle befindet sich im Gebäude der amerikanischen Militärregierung in Regensburg, Dachauer Platz. Die Unterkünfte des CIC befinden sich Regensburg, Landauer Str. in der ehemaligen Infanteriekaserne.
Der BVSA (Bundesverfassungsschutzamt) befindet sich Regensburg, ebenfalls Dachauer Platz. Diese BVSA-Dienststelle nennt sich Sonderabteilung der Polizei. Zum Aufbau dieser Dienststelle wurde ein (geschwärzt) aus München geholt, der sich durch brutales Vorgehen gegen die Friedenskämpfer schon bewährte.
Die amerikanischen Offiziere sind mit ihren Familien im Villenviertel Regensburg, Prüfingerstr. Untergebracht.
In Regensburg befinden sich ungefähr zwei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei. Sie sind ebenfalls in den Infanteriekasernen in der Landshuter Straße untergebracht. Sie sind mit leichten Infanteriewaffen (Maschinengewehre und Wasserwerfern) ausgerüstet.
Mein Cousin (Name geschwärzt) der Sohn meines Onkels, ebenfalls (geschwärzt) wurde vom Arbeitsamt Cham nach Kaiserslautern zwangsverpflichtet. Er ist jetzt in Siegelbach bei Kaiserslautern wohnhaft und arbeitet als Maurer an einem Kasernenbau. Er ist 19 Jahre alt, politisch nicht organisiert und auch nicht zuverlässig. Ich hatte Gelegenheit, während der Osterferien meinen Cousin zu sprechen. Er erzählte mir, dass er in den Wäldern um Siegelbach große Kasernen, Materiallager und Bunker gebaut werden. Bei den Bunkern handelt es sich um Verteidigungsbunker. Diese Bauten werden in sehr großer Eile im Tag- und Nachtbetrieb errichtet.
5. Die Regenstaufer Regenbrücke, über die die Straße von Regensburg über Parsberg Grafenwöhr nach Hof in Bayern führt, wurde durch neue Betonsockel verstärkt und etwas erweitert.
6. Die Regenbrücke in Nittenau, an der Straße Regensburg-Fürth im Walde, (an der CSR-Staatsgrenze/später CSSR/heute Tschechien) wurde vollkommen neu gebaut.
7. Auf dem Nürnberger Hauptbahnhof habe ich während meines Aufenthaltes am 29.03.1953 beobachtet, wie ungefähr zwei amerikanische Kompanien in Kriegsausrüstung in einen Personenzug stiegen. Jeder Waggon hatte einen weißen Streifen mit der Nr. RC 190. Dieselbe Nummer sah ich in Parsberg an Güterwaggons.
8. Während meines kurzen Aufenthaltes am Bahnhof in Lichtenfels, auf der Fahrt nach Regen am Hof, beobachtete ich 4:00 Uhr einen Güterzug, beladen mit Panzern und Kraftwagen, die teilweise mit Planen überdeckt waren. Ich zählte ca. 20 Panzer. Der Zug wurde durch amerikanische Soldaten bewacht. Der Zug stand mit der Lokomotive in Richtung Norden.
gez. Meisner
Ob die Leute, die Wilhelm Meisner irgendetwas erzählt hatten, davon Kenntnis hatten, dass das beim MfS landet oder ob sie ahnungslos waren? Das geht aus dem Dokument nicht hervor. Vermutlich waren diese Leute ahnungslos.
Sieh an: bereits damals im Jahre 1953, inmitten der Zeit des Wirtschaftswunders und der Aufbaujahre gab es Arbeitslosigkeit und Zwangsmaßnahmen des Arbeitsamtes. Genau, wie die heutigen Jobcenter, hatte das damalige Arbeitsamt immer bestimmte Leute im Visier, während bei anderen alles locker gesehen wurde und wird.
Der Cousin von Wilhelm Meisner wird zu einem Fernumzug nach Kaiserlautern gezwungen. Das ist eine wichtige Liegenschaft der US-Amerikaner geworden. Der Cousin von Wilhelm Meisner wirkte am Aufbau mit. Kaiserslautern wird von den US-Amerikanern K-Town genannt.
Während es heute mit dem Bauen eine Katastrophe ist, Straßen und Brücken bröckeln, so waren damals genügend Mittel für Baumaßnahmen da. Diese Baumaßnahmen warenallerdings für das Militär nützlich. Der Nutzen für die Zivilbevölkerung war nebensächlich.
Nach Durchsicht der Personalakte Nr. 211/53 des Informators (Das IM-System kam später.) „Josef Brandl“ (Deckname)
Meisner, Wilhelm, geb. (außer Geburtsjahr geschwärzt), 1928 in Hof am Regen, wohnhaft in Leipzig (Straße geschwärzt).
Stelle ich fest, dass der Informator „Josef Brandl“ in Westdeutschland als politisch belastet gilt, da er aktiv für die KPD eingetreten ist. Aus diesem Grunde kann er der Abt. II nicht mehr von Nutzen sein.
Aus aufgezeigten Gründen schlage ich vor, mit dem Informator – die Verbindung abzubrechen und die Personalakte im Archiv der Abteilung XII der Verwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit Land Leipzig abzugeben.
Unterzeichnet
Mitarbeiter der Abteilung (Kreisdienststelle) Hutschenreuter Unterleutnant
Bestätigt:
Der Leiter der Abteilung (Kreisdienststelle) Otto Unterleutnant
Damals wurde wohl die Regelung eingeführt, dass im Westen politisch Aktive, bzw. Mitglieder und Sympathisantinnen und Sympathisanten kommunistischer Parteien nicht für die DDR geheimdienstlich tätig sein durften.
Diese strikte Trennung wurde bis zum bitteren Ende beibehalten.
Trotzdem waren Mitglieder sowie Sympathisantinnen und Sympathisanten kommunistischer Parteien im Westen, insbesondere der BRD, Vorurteilen und Misstrauen ausgesetzt, da sie verdächtigt wurden geheimdienstlich für die DDR tätig zu sein. Da konnten sie tausendfach die strikte Trennung von politischen Aktivitäten und geheimdienstlicher Tätigkeit erklären.
Heute kann man einfach googlen, wenn man was über die Örtlichkeiten und die Geschichte militärischer Liegenschaften wissen will.
„Fremde“ Geheimdienste sind nicht mehr auf ortskundige Personen angewiesen, um Auskünfte einzuholen.
Ob sich Wilhelm Meisner nach der Gesetzgebung der BRD strafbar gemacht hat, ist hier die Frage. Er war ja nicht im Inneren der Objekte und hat auch nichts entgegengenommen und es wegetragen, bzw. weitergegeben.
Hut ab, vor dem Mut dieses Mannes, der aus freien Stücken dem MfS geholfen hatte. Es war der Anfang der DDR, als die Verzeichnisse für die westlichen Örtlichkeiten noch im Aufbau waren.
Dann kam die Regelung, dass es für Kommunistinnen und Kommunisten, deren Sympathisantinnen und Sympathisanten sowie sonstigen links- und friedenspolitischen Aktiven in der BRD und Westberlin ausgeschlossen war für das MfS zu arbeiten. So trennte sich das MfS von Wilhelm Meisner.
Während James Bond eine Phantasiefigur ist war Horst Hesse ein realer Mensch.
Das Bundesarchiv -Stasiunterlagen-Archiv präsentiert beschreibt das Wirken von Horst Hesse und hat Original-Dokumente veröffentlicht, die in diesem Beitrag wiedergegeben werden.
Im Jahre 1963 verarbeitete die DEFA die Aktion „Schlag“ im Kinofilm „For eyes only“.
Protokoll der Bezirksverwaltung Magdeburg zum Erscheinen Horst Hesses in der Dienststelle
Protokoll
Ich, Horst Hesse, geb. am 12.05.1922, wohnhaft in Magdeburg, (Straße geschwärzt), melde dem Ministerium für Staatssicherheit am 19.01.1954, dass ich auf Grund eines Briefes, den ich von dem (Name geschwärzt) am 18.01.1954 erhielt und den ich heute gleichfalls mit übergebe, den Verdacht hege, dass der republikflüchtige (Name geschwärzt) nach Westberlin einlädt, weil der damit gegen die Deutsche Demokratische Republik feindliche Absichten verbindet.
Ich nehme das deshalb an, weil ich den (Name geschwärzt), der von 1948 bis 1949 in Magdeburg, (Straße geschwärzt) bei (Name geschwärzt) wohnte, kenne, er hat dort immer nur von Schiebergeschäften gelebt und wurde 1949 republikflüchtig, weil – wie ich von anderen Nachbarn erfuhr – er Angst haben müsste, von der Deutschen Volkspolizei wegen seiner Beteiligung an Buntmetalldiebstählen festgenommen zu werden.
Unterzeichnet: Horst Hesse
(Notiz der Dienststelle P.R.)
Dieses Protokoll habe ich am 19.01.1954, 08:10 Uhr von dem die Dienststelle aufsuchenden Horst Hesse handschriftlich fertigen lassen, weil es, falls beschlossen wird, den Hesse für eine Mithilfe heranzuziehen, oder falls er sich in feindlicher Absicht unserer Dienststelle näherte, bestimmte Bedeutung erlangen kann.
Obengenannter wurde am 25.01.1954 in der KW „XXXXXXX“ zur Mitarbeit für die Organe des MfS verpflichtet.
Hesse erschien am 19.01.1954 in der Bezirksverwaltung und machte Mitteilung über einen Brief, den er von einem gewissen (Name geschwärzt) aus Westberlin erhielt, der früher in Magdeburg wohnhaft war, dann republikflüchtig wurde und jetzt vermutlich eine feindliche Tätigkeit gegen die Deutsche Demokratische Republik ausführt.
Aufgrund dieser Meldung erfolgte bei Hesse die Anwerbung als inoffizieller Mitarbeiter durch Überzeugung.
Im Verlaufe des Werbungsgespräches wurde mit ihm eingehend über die politische und wirtschaftliche Entwicklung in der Deutschen Demokratischen Republik und in Westdeutschland gesprochen. Dabei wurde aufgezeigt, mit welchen verbrecherischen Mitteln die imperialistischen Geheimdienste und Agentenzentralen versuchen, dich Stützpunkte in der Deutschen Demokratischen Republik zu schaffen, um den sozialistischen Aufbau zu schädigen.
Hesse zeigte dabei eine positive Haltung und brachte zum Ausdruck, dass es für ihn als Parteimitglied eine Selbstverständlichkeit ist, den Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik zu schützen.
Er erklärte sich bereit, seine ganze Kraft einzusetzen und uns in unserer Arbeit zu unterstützen.
Danach wurde die Werbung durchgeführt und er schrieb die Verpflichtung, ohne Hemmnisse zu zeigen.
Plan für die Arbeit mit dem GM (GM war das was später die IM waren) „Jürgen“ in der Perspektive
Dazu wurde festgelegt:
Ziel:
Liquidierung der Residentur des (Name geschwärzt) in Westberlin mit seinen Agenten in der DDR und weiteres Eindringen des GM „Jürgen“ in die Zentrale in Westdeutschland mit dem Ziel der Zerschlagung dieser amerikanischen Geheimdienststelle und ihres Agentennetzes.
Diese operative Aufgabe sollte wie folgt gelöst werden:
Etappe: Aufklärung des Residenten (Name geschwärzt) und Feststellung seiner Agenten in der DDR durch aktive Maßnahmen in Westberlin, unter Beachtung der Sicherheit des GM „Jürgen“- Festnahmeaktion der Agenten in der DDR zur Liquidierung dieser Residentur
Etappe: Geschickte Ausnutzung der Zerschlagung der Residentur des (Name geschwärzt) als Grundlage der Übersiedlung des GM „Jürgen“ nach Westberlin und Westdeutschland mit dem Ziel des tieferen Eindringens in die Geheimdienstzentrale in Westdeutschland
Etappe: Eindringen in die Dienststelle des amerikanischen Geheimdienstes und Schaffung entsprechender Voraussetzungen zur Besetzung einer Schlüsselfunktion, Aufklärung der Struktur und Arbeitsmethoden des Gegners sowie Durchführung von Maßnahmen zur Zersetzung der Dienststelle
Etappe: Vorbereitung der Zerschlagung der amerikanischen Dienststelle durch a) ideologisch- Sicherstellung von Spionageunterlagen zur politisch-propagandistischen Auswertung b) Physisch- Festnahme der gesamten Agenten dieser Dienststelle auf dem Gebiet der DDR
Zielstellung und Festlegung der ersten aktiven Maßnahme gegen den Residenten (Name geschwärzt) in Westberlin.
Zur Schaffung der Grundlage der Legende zum Übersiedeln des GM „Jürgen“ in eine Dienststelle des amerikanischen Geheimdienstes nach Westdeutschland war es notwendig, dass die Festnahme der Agenten des Residenten (Name Geschwärzt) in der DDR noch in der gleichen Nacht erfolgen, wo die Unterlagen aus der Wohnung des Residenten (Name geschwärzt) geholt werden.
Dazu war notwendig, dass dieser Aktion eine aktive Maßnahme in Westberlin vorausging, die es dem MfS ermöglichte, bereits vor der Aktion alle in der DDR von (Name geschwärzt) ausgehaltenen Agenten genau zu bestimmen.
Es wurde festgelegt, dass der GM „Jürgen“ sich in die Wohnung des Residenten (Name geschwärzt) in Westberlin begibt, um alle diese Angaben zu beschaffen.
Der GM „Jürgen“ musste, trotz aller Gefahr, diese Maßnahme selbst durchführen, da er mit den Räumlichkeiten und der Lage der Wohnung sowie der Unterbringung der Spionageunterlagen und dem Verhalten der Bewohner bestens vertraut war.
Diese Maßnahme musste in Abwesenheit des Residenten (Name geschwärzt) sowie seiner Geliebten und Wirtin (Name geschwärzt) erfolgen.
Da dem MfS bekannt war, das der Resident (Name geschwärzt) und seine Geliebte regelmäßig längere Zeit die Wohnung zusammen verließen und zur gleichen Zeit auch die Wirtin (Name geschwärzt) sich für mehrere Stunden außer dem hause befand, war eine günstige Lage, die vom MfS geplante aktive Maßnahme durchzuführen.
Dazu war erforderlich, vorher bis in alle Einzelheiten zu wissen.
Wie sind die Wohnverhältnisse, wie liegen die Zimmer, wie ist die Wohnungseinrichtung?
Wer benutzt welche Zimmer?
Wie ist die Lage des Hauses und wie die des Wohngebietes, welche Straßen müssen benutzt werden?
Wo und wie wird das Spionagematerial untergebracht?
Welche Schlüssel muss man benutzen, um -in das Haus, -in die Wohnung, -in das Zimmer und -in das Behältnis zu kommen, wo die Spionagematerialien aufbewahrt werden
Wo sein die Lichtschalter im Haus und in der Wohnung, wo die Sicherungen und welche können bei der Maßnahme benutzt werden?
Wann (an welchem Tag und zu welcher Zeit und wie lange) ist der geeignetste Zeitpunkt zur Durchführung dieser Maßnahme?
Wie ist diese Maßnahme durchzuführen, wie hat man sich im Haus, in der Wohnung oder auf der Straße zu verhalten?
Wie hat sich der GM zu verhalten, wenn (Name geschwärzt), seine Geliebte oder die Wirtin (Name geschwärzt) die Wohnung nicht verlassen haben oder wenn er sie im Haus oder auf der Straße trifft?
(Im Original steht da „k“) Wie hat sich der GM zu verhalten, wenn er in der Wohnung durch die Bewohner überrascht wird?
(Im Original steht da „l“) Welche Besonderheiten gibt es noch zu beachten und wie hat sich der GM bei gelungener Maßnahme auf dem Rückweg zu verhalten, wenn er (Name geschwärzt), seine Geliebte oder die Wirtin (Name geschwärzt) trifft?
Schlussfolgerungen aus dem Vortrag und dem Handmaterial zur 1. Phase
Die bei dem inoffiziellen Mitarbeiter vorhanden Anschlussmöglichkeiten an deine feindliche Zentrale wurden bewusst ausgenutzt und in die Wirklichkeit, d.h. in operative Erfolge umgesetzt. Von Angebeginn der Arbeit mit dem inoffiziellen Mitarbeiter stand im Mittelpunkt seine Qualifizierung und Entwicklung, um die gestellte Aufgabe zu lösen.
Entscheidend für den Erfolg des Ansetzens des IM (Ahh hier heißt es jetzt IM P.R.) an den Residenten war die gründliche Vorbereitung dieser Maßnahme, die sorgfältige Ausarbeitung einer wirkungsvollen Legende und das gute selbstständige Verhalten und Reagieren des inoffiziellen Mitarbeiters bei der Zusammenkunft mit dem Residenten.
Für die Aufklärung der feindlichen Tätigkeit des Residenten spielte eine sehr wichtige Rolle, dass es der GM (Ahh hier wieder GM P.R.) verstand, zu (Name geschwärzt) und seiner Freundin sein enges persönliches Verhältnis herzustellen, dass er die Schwächen des Residenten geschickt ausnutzte und dass die Arbeitsweise des Residenten gründlich aufgeklärt werden konnte, indem der GM sich ausführlich instruieren ließ für die Durchführung der Spionageaufträge.
Im Laufe der Arbeit mit dem GM wurden zielstrebig und bewusst neue Umstände und Möglichkeiten geschaffen – Wechsel der Arbeitsstelle- die es ermöglichten, die operative Arbeit des GM gegenüber seiner Ehefrau und des Bekanntenkreises abzudecken und darüber hinaus das Interesse des Residenten an dem GM steigerten.
In der Zusammenarbeit mit dem GM in dieser Phase und seiner Steuerung zur angeblichen Durchführung der Spionageaufträge des (Name geschwärzt) wurden im Zusammenhang mit dem Spezialauftrag, den der GM vom Residenten erhielt, Fehler gemacht, wodurch leicht der Erfolg der weiteren Arbeit in Frage gestellt werden konnte. Dieser Fehler lag vor allem in folgendem: a)Der Sonderauftrag des GM wurde nicht gründlich genug vom Mitarbeiter analysiert, sonst hätte er einschätzen müssen, dass der Gegner entweder damit den GM überprüfen will oder sich daraus die Möglichkeit ergibt, die Vertrauensposition des GM beim Residenten und vor allem seiner westdeutschen Zentrale zu festigen und das Interesse am GM zu steigern. Das heiß, eine solche Einschätzung hätte eine große Gründlichkeit und Überlegtheit erfordert. b) Wenn der GM schon die Spionageaufnahmen für die Zentrale nicht selbst gemacht hat bzw. auch nicht machen konnte, so musste ihm aber mitgeteilt werden, was aufgenommen wurde und von wo aus angeblich die Aufnahmen gemacht wurden, damit der GM sich selbst sicher fühlte und treffende Antworten bei einer evtl. Überprüfung geben konnte.
Neben der Herstellung eines engen persönlichen Verhältnisses durch den GM mit dem Residenten und die Aufklärung seiner Gewohnheiten, war und ist es für die Durchführung aktiver Maßnahmen in Westberlin notwendig, alle dazu notwendigen Umstände und Verhältnisse, wie die Wohnung, Lage der Zimmer, wie wird die Wohnung verschlossen, Hausbewohner usw., genau aufzuklären und alle Kleinigkeiten zu beachten und zu analysieren.
Für das Übersiedeln des GM „Jürgen“ nach Westberlin wurde folgende operative Legende gewählt:
Dabei war zu beachten:
Die Entnahme der Spionageunterlagen des (Name geschwärzt) aus Westberlin durfte auf keinen Fall dem GM zur Last gelegt werden bzw. durfte keinerlei Verdacht auf ihn fallen.
Das Erscheinen des GM bei (Name geschwärzt) in Westberlin, nach der durchgeführten Aktion, musste so natürlich wie möglich erfolgen.
Die Initiative zum Übersiedeln des GM nach Westberlin musste von (Name geschwärzt) ausgehen.
Bereits vor der Liquidierung der Residentur (Name geschwärzt) wurde ein GI an diesen herangebracht mit dem Ziel, bei der Durchführung der Aktion diesen sofort abzuziehen, um damit den Verdacht auf diesen zu lenken.
Die Durchführung der aktiven Maßnahme gegen (Name geschwärzt) hatte so zu folgen, dass bei (Name geschwärzt) kein Zweifel darüber bestand, dass sich diese Materialien in den Händen des MfS befinden.
Diese Aktion sollte so erfolgen, dass sie einen Tag vor der festgelegten Zusammenkunft mit (Name geschwärzt) in Westberlin durchgeführt wurde. Der GM musste dabei unbekümmert wie immer bei (Name geschwärzt) erscheinen.
Aller Wahrscheinlichkeit nach müsste dann (Name geschwärzt) – da der GM zu seinen besten Leuten zählt – versuchen, den GM von einer Rückkehr in die DDR abzuhalten, um ihn einer Festnahme durch die Sicherheitsorgane der DDR zu entziehen.
Sollte (Name geschwärzt) dem GM über den Verlust der Spionageunterlagen Mitteilung machen, ihn aber nicht zum Verbleiben in Westberlin auffordern, so müsste es der GM ablehnen- unter Berufung auf seine eigene Sicherheit – wieder in die DDR zurückzufahren. Wenn (Name geschwärzt) aber den Verlust seiner Spionageunterlagen gegenüber dem GM überhaupt nicht erwähnt, so hätte der GM die Rückfahrt wieder antreten müssen.
In diesem Fall hat der GM vom demokratischen Sektor von Berlin aus eine ihm bekanntgegebene Telefonnummer des MfS anzurufen und darüber Mitteilung zu machen.
Zu diesem Zweck wird eine Person vorbereitet, die den GM sofort nach seiner Ankunft in Magdeburg aufsucht und warnt, dass sich das MfS auf seiner Arbeitsstelle nach ihm erkundigt habe. Daraufhin fährt der GM sofort wieder zu (Name geschwärzt) nach Westberlin und stellt diesen zur Rede über den Grund einer evtl. Festnahme durch das MfS.
Nach erfolgter Übersiedlung ist zur Vorbereitung einer guten Ausgangsstellung zum Eindringen in den amerikanischen Geheimdienst in Westdeutschland sowie zur Absicherung gegenüber dem Residenten (Name geschwärzt) wie folgt zu verfahren:
Beim Eintreffen bei (Name geschwärzt) in Westberlin hat der GM auf eine Meldung über den Verlust der gesamten Spionageunterlagen an die vorgesetzte Dienststelle des (Name geschwärzt) zu drängen.
Der GM hat einem verantwortlichen Mitarbeiter dieser amerikanischen Geheimdienststelle zu erklären, dass der Verlust der Spionagematerialien und damit eine Gefährdung einer Reihe von Personen in der DDR eine leichtfertige Handlung des (Name geschwärzt) sei, da er diese Unterlagen nicht in einem Panzerschrank und auch nicht durch andere Mittel sichere. Auch das moralische Verhalten des (Name geschwärzt) gefährde die für den Amerikaner tätigen Leute in der DDR (bei Trinkgelagen führt er Berichte seiner Agenten mit).
Dadurch und auch in der Folgezeit muss (Name geschwärzt) für den amerikanischen Geheimdienst unmöglich gemacht werden und der GM durch eine exakte Einschätzung und Haltung gegenüber dem Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes hervorstechen.
Die bisher gemachten Erfahrungen in der Bearbeitung der Geheimdienste und Agentenzentralen zeigen, dass dies Dienststellen jede Person, die sich aus der DDR nach Westdeutschland absetzt, über Adressen von Verwandten und anderen bekannten Personen aus dem Wohn- und Arbeitsgebiet befragt, mit dem Ziel, diese Personen anzuschreiben und für eine Feindtätigkeit gegen die Deutsche Demokratische Republik zu gewinnen.
Aufgrund dieser Erfahrungen wurden dem GM eine Reihe von Personen durch das MfS genannt, die er bei einer diesbezüglichen Befragung durch die feindlichen Dienststellen nennen kann.
Bei diesen Personen handelt es sich um inoffizielle Mitarbeiter oder speziell für diese Zwecke angeworbene Personen, die auch für den Gegner aufgrund beruflicher oder örtlicher Herkunft von Interesse, bzw. wegen ihrer Spezialkenntnisse für eine Feindtätigkeit gegen die DDR geeignet sind.
Damit die Echtheit der vom GM beim Geheimdienst angegebenen „Bekannten“ aus der DDR nicht angezweifelt wird, werden einige dieser dem GM genannten Personen vom MfS beauftragt, bei einem Ansprechen von westlicher Seite- zum Zwecke der Anwerbung für eine feindliche Tätigkeit gegen die DDR, solch ein Ansinnen abzulehnen.
Vermerk über die Herstellung der Verbindung zwischen dem MfS und dem GM „Jürgen“ in Westdeutschland
Vor der Übersiedlung des GM nach Westdeutschland wurde mit ihm vereinbart, dass diejenige Person, welche im Auftrag des MfS die Verbindung mit ihm in Westdeutschland aufnehmen wird, ihm selbst bekannt ist und als Erkennungszeichen sein Feuerzeug (mit einer Pferdekopfgravur) übergibt.
Es wurde weiter vereinbart, dass der GM ständig Postverkehr mit seiner Ehefrau aufrechterhält, damit das MfS – über die Abteilung M (Postkontrolle P.R.) – von seinem jeweiligen Aufenthaltsort informiert ist.
Mit dem Auftrag der Verbindungsaufnahme wurde seine Ehefrau zu gegebener Zeit vom MfS beauftragt und in der Folgezeit als Kurier eingesetzt.
Der erste Auftrag an den GM „Jürgen“, welcher durch Kurier überbracht wurde, lautete:
Mit der MID-Dienststelle in Würzburg ist unter allen Umständen Kontakt wieder aufzunehmen und zu versuchen, in dieser Dienststelle eingestellt zu werden.
Nach der Einstellung in dieser Dienststelle ist ein gutes Verhältnis mit dem Leiter zu schaffen.
Die Struktur und die Arbeitsmethoden der MID-Dienststelle sind festzustellen.
Alle Agenten, die für diese Dienststelle in der DDR tätig sind, sind zu erfassen und dem MfS mitzuteilen
Mit der Ehefrau ist weiterhin eine ständige Briefverbindung zu halten, um den jeweiligen Aufenthaltsort zu verfolgen. (anliegend die Kopie des Briefes an die MID-Dienststelle und Antwortbrief)
Entwurf eines Schreibens – Vortrag von Horst Hesse
An das
Ministerium für Staatssicherheit
Bezirksverwaltung……
Für Ihre Bezirksverwaltung/Diensteinheit besteht die Möglichkeit in der Zeit vom….bis…. im Rahmen der politisch operativen Schulung den Vortrag
„Über Vorbereitung und Durchführung aktiver Maßnahmen von der Verbindungsaufnahme bis zur Liquidierung der MID-Dienststelle Würzburg und der Zerschlagung seiner Agenten in der DDR“
Durch den Mitarbeiter des MfS, Genossen Oberleutnant Hesse der selbst als GM (das ist das was später ein IM war. P.R.) und später als Offizier im besonderen Einsatz an dieser Aktion teilnahm, zu halten.
Der Vortrag wird 3 ½ bis 4 Stunden in Anspruch nehmen. Im Anschluss an den Vortrag sollte man ½ Stunde freihalten, um Fragen durch den Gen. Oberltn. Hesse beantworten zu lassen. (Was für ein langer Vortrag. Solange kann sich kein Mensch konzentrieren. Selbst wenn es sich um Fachpublikum handelt. Vielleicht gab es Pausen, die aber im Entwurf des Schreibens nicht vermerkt waren. P.R.)
Außer diesem Vortrag wird noch eine Ausstellung gezeigt, die einen kurzen Abriss der gesamten Aktion darstellt. Des weiteren wird zur Ausstellung noch eine Reihe von Originalmaterial ausgelegt, welches aus den Panzerschränken des MID stammt.
Mit Erfolg wurde dieser Vortrag bereits an der Hochschule des MfS in Potsdam-Eiche und an der Fachschule des MfS in Gransee sowie anderen Dienststellen gehalten.
Als Teilnehmerkreis wird vorgeschlagen:
die Leiter der operativen Abteilungen,
die Kreisdienststellenleiter
die Mitarbeiter der Abteilungen II, V, VII, VIII und XV.
Eine kurze Übersicht über den Ablauf und Inhalt des Vortrages wird als Anlage beigefügt.
Bei Einverständnis bitten wir um entsprechende Mitteilung über den Zeitpunkt der Durchführung an……….
Anlage:
Eröffnung des Vortrages durch einen verantwortlichen Genossen der Bezirksverwaltung bzw. Diensteinheit
Hinweisen auf die Notwendigkeit der allseitigen Qualifizierung der Mitarbeiter in der operativen Arbeit.
Dieser Vortrag soll dazu dienen:
Die Notwendigkeit und Bedeutung der weiteren Qualifizierung der gesamten Westarbeit durch Ausnutzung aller Reserven und Möglichkeiten auf allen Linien und Arbeitsgebieten des MfS zur Lösung der vom MfS von Partei und Regierung gestellten Aufgaben.
Die Kenntnis und reale Einschätzung des Gegners, d.h. der imperialistischen Geheimdienste und Agentenzentralen, als eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Eindringen in ihre Objekte. Der Gegner darf nicht überschätzt werden, seine Schwächen sind bewusst auszunutzen.
Der Vortrag zeigt anschaulich und überzeugend, wie die vorhandenen Möglichkeiten, derer es auch jetzt noch viele gibt, durch ihre bewusste Ausnutzung und des systematischen Ausbaus dieser Möglichkeiten mittel operativer Legenden und Kombinationen in einen großen Erfolg umgemünzt wurden.
Es muss erkannt werden, wie wichtig die Arbeit mit den Menschen in der operativen Arbeit ist. Erfolge in der Abwehr und Aufklärung sind nur möglich, wenn der Mensch richtig eingesetzt wird. Die Genossen müssen sich klar darüber sein, welche Anforderungen an einen Menschen gestellt werden, der eine solche Aufgabe übernimmt und durchführt und welche große patriotische Tat er leistet. (patriotisch hatte damals eine andere Bedeutung als heute. Das hatte nichts mit Rechtsradikalismus und Rechtspopulismus zu tun. P.R.)
Das Verantwortungsbewusstsein der Genossen Mitarbeiter spielt eine große Rolle. Sie müssen anleiten, entscheiden über Fragen die nicht nur die operative Arbeit, sondern auch für das persönliche Leben der inoffiziellen Mitarbeiter von sehr großer Bedeutung sind. Deshalb ist die Sorge um den Menschen, die politisch-ideologische Erziehung und das richtige Verstehen dieser Menschen besonders wichtig und steht im Vordergrund.
Durch den Vortrag ziehen sich eine ganze Reihe von Grundfragen der operativen Arbeit und der an den Schulen behandelten Problemen der Konspiration, Wachsamkeit, Arbeit mit den Menschen, Anwendung von Legenden und Kombinationen, Geduld, Klugheit und Mut, die alle bei der Organisierung der Arbeit im Hinterland des Feindes eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.
Dass dieser Vortrag nicht nur für die operative Arbeit im Hinterland des Feindes wichtig ist, sondern auch für die Mitarbeiter die Objekte in der DDR vor feindlichen Handlungen abzusichern haben.
Er muss dazu führen, Aktivität und Begeisterung in der operativen Arbeit zu erhöhen. Für die Genossen kommt es an, die gewonnen Erkenntnisse und die Begeisterung auf die unterstellten Mitarbeiter sowie auf das Netz der IM (Hier heiß es schon IM. P.R.) zu übertragen, um noch größere Erfolge beim Kampf gegen die Feinde zur Sicherung der DDR zu erzielen.
Der Gen. Oberltn. Hesse wird diesen Vortrag in Form eines Erlebnisberichtes halten. Dieser Bericht umfasst die Zeit seiner Zusammenarbeit mit dem MfS zuerst als inoffizieller Mitarbeiter (ehrenamtlich Undercover agierender P.R.) und später dann als Offizier im besonderen Einsatz (hauptberuflich Undercover agierender P.R.).
Gen. Oberltn. Hesse ist dadurch in der Lage eingehend über alle Schwierigkeiten und Aufgaben bei der Durchführung dieser Aufgabe zu berichten und im Anschluss an den Vortrag Fragen zu beantworten die noch unklar geblieben sind.
Der Vortrag wird ergänzt durch eine Ausstellung die einen Abriss der einzelnen Etappen (Phasen) der Aktion graphisch und bildlich darstellt sowie durch eine Reihe von Originalunterlagen die mit ausliegen.
Es ist noch darauf hinzuweisen, dass die Genossen keine Aufzeichnungen über Personen, Daten, Ortsbezeichnungen usw. tätigen.
Es ist wichtig, dass die Genossen den Inhalt begreifen und sich entsprechende Notizen über die Schlussfolgerungen zur Verbesserung der eigenen operativen Arbeit machen.
II. Kurze Angaben über Inhalt des Vortrages
Einleitung: – Allgemeine persönliche Angaben.
Situation bei Erhalt des Briefes aus Westberlin.
Kontaktaufnahme des MfS zum Gen. Hesse
Aufklärung der Person und erste Aufträge-
1. Phase: –Ansetzen an den amerikanischen Geheimdienst
-Maßnahmen zur Aufklärung der Residentur des amerikanischen Geheimdeinstes in Westberlin
2. Phase: Vorbereitung und Durchführung aktiver zur Zerschlagung der Residentur in
Westberlin.
-Vorbereitung der Übersiedlung des GM nach Westdeutschland.
– Steuerung des GM in Westberlin und Westdeutschland und Schaffung günstiger
Voraussetzungen zum Eindringen in die Zentrale des Gegners.
-Direkte Maßnahmen zum Eindringen in die Dienststelle.
3. Phase:Tätigkeitsaufnahme in der Dienststelle des amerikanischen Geheimdeinstes in
Würzburg.
Übernahme einer Schlüsselstellung in der feindlichen Dienststelle.
4. Phase: Vorbereitung der Liquidierung der MID-Dienststelle Würzburg durch aktive Maßnahmen, und Durchführung der Aktion.
5. Phase: Auswertung der Aktion und Festnahme der Agenten in der DDR.
Entwicklung des Vertrauensverhältnisses zum Leiter und Festigung der persönlichen Stellung.
Was war die Ursache, dass Sie ein viertel Jahr keine Verbindung zu den Organen des MfS hatten?
Wie wird von den Agentenzentralen die Tätigkeit des MfS eingeschätzt?
Welche Methoden wenden die Zentralen bei der Überprüfung ihrer Agenten an?
Kam die Frau des Gen. Hesse mit der MID-Zentrale in Berührung? Wie wurden die Kurierfahrten der Frau des Gen. Hesse abgedeckt?
Wie erfolgt die Zusammenarbeit des MID mit dem BVSA?
Was wurde unternommen, um zu verhindern, dass die Frau des Gen. Hesse nicht nach Westdeutschland übersiedeln musste?
Was ist nach Abschluss der Aktion mit (Name geschwärzt) von Seitens der US-Dienststellen geschehen und sind die hauptamtlichen Mitarbeiter der MID-Zentrale in Würzburg weiter tätig geblieben?
Auf welchem Gebiet führte die MID-Zentrale besondere Feindtätigkeit in der DDR durch?
Warum wurde die Fahrt von Würzburg in die DDR nicht auf dem kürzesten Weg vorgenommen?
Haben Sie in Westdeutschland Anwerbungen für das MfS durchgeführt?
Wie erfolgte das Einschleusen von Agenten der MID-Zentrale in die DDR?
Warum wurden während Ihrer Tätigkeit in der Zentrale auf dem Gebiet der DDR Agentengruppen dieser Zentrale liquidiert?
Wie geschieht die Überwachung solcher Personen in Westdeutschland, die fortschrittlich sind und in Verdacht stehen Verbindungen zur DDR zu unterhalten?
Bestand die Möglichkeit, nach Abschluss der Aktion die dabei eingesetzten IM des MfS weiter einzusetzen?
Wie reagierte die Politik? Man würde von der Kirche Glaubensätze erwarten. Doch es war die Politik die Glaubensätze „runterbetete“. Das kam bei den aufgebrachten Leuten nicht mehr an. Die Politik hatte den Bezug zur Realität verloren.
Zu diesem Zeitpunkt bestand noch die Chance die DDR zu retten. Diese Chance wurde vertan.
Noch eine vertane Chance ist, dass Erich Mielke die Gesamtsituation zwar richtig einschätzte, aber dennoch den Ernst der Lage nicht erkannte. Fatal, dass einem Geheimdienstchef solch ein gravierender Fehler unterläuft.
Man konnte die ehemaligen Mitarbeiter nicht oder nur schwer in Arbeit unterbringen. Die Zusammenarbeit mit anderen Behörden ist zum Erliegen gekommen. Es herrschte eine gesetzlose Zeit.
Was soll man dazu sagen? Die sahen, dass es mit dem MfS, bzw. AfNS zu Ende ging und sie fühlten sich sicher. So zeigten sie offen die Ablehnung gegenüber den ehemaligen Mitarbeitern des MfS/AfNS. Ja, sie „rechneten sogar mit ihnen ab“.
Erläutern Sie, mit welchen Schwierigkeiten das in der Auflösung befindliche AfNS seit Mitte Dezember 1989 zu kämpfen hatte.
Aufgabe 2
Erklären Sie, weshalb sich die Beschäftigten in Betrieben und öffentlichen Einrichtungen erst ab Dezember 1989 massiv gegen die Einstellung ehemaliger Stasi-Mitarbeiter wehrten.
Aufgabe 3
Seit Dezember herrschte in vielen Familien von Stasi-Mitarbeitern die Angst vor Ausgrenzung, Verhaftung und sogar Lynchjustiz. Erörtern Sie, was die ehemaligen Stasi-Mitarbeiter befürchteten. Waren ihre Ängste real zu begründen? Was für Ansichten und Vorstellungen der Stasi-Leute kamen dabei zum Vorschein?
Es ist nur eine Seite als Auszug des Original-Dokuments vorhanden
Am 21.12.1989 wurde Im VEB Wohnungsbaukombinat Halle-Neustadt, Abteilung Wissenschaft und Technik ein Text der sich gegen Mitarbeiter des ehemaligen MfS und dessen patriotischen (helfenden P.R.)Kräfte (Patriotismus hatte in der DDR und den anderen sozialistischen Ländern eine andere Bedeutung, als heute. Patriotismus hatte nichts mit Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus zu tun, wie es heute der Fall ist. P.R.)richtet, zum Aushang gebracht. Im Verlauf des Tages erfolgte die Unterzeichnung durch mehrere Mitarbeiter dieses Bereiches.
Am 22.12.1989 wurde einem ehemaligen Mitarbeiter des Kreisamtes Halle durch den Bereichsleiter Hauptauftragnehmer im VEB Rationalisierung Halle mitgeteilt, dass der abgesprochene Arbeitsvertrag zum Einsatz als Objektingenieur in diesem Bereich nicht erfolgen, da die 8 Beschäftigten des Bereiches eine Resolution verfasst hätten, in der sie androhen, im Falle der Einstellung eines ehemaligen Angehörigen des MfS zu kündigen.
Im Zusammenhang mit der Auflösung des AfNS richtete der Direktor des Bezirkshygieneinstituts Halle ein Schreiben mit Arbeitsstellenangeboten an das Bezirksamt, in dem u.a. für 15 bis 20 jüngere Mitarbeiter (unter 40 Jahre) eine Einstellung als Hygieneinspektor in Aussicht gestellt wurde. In dem am 21.12.1989 erfolgten Kadergespräch(Vorstellungsgespräch P.R.) eröffnete der verantwortliche Chef, der erst die Stellen als Hygieneinspektor anbot, nun den 8 Bewerbern (ausscheidende MfS-Mitarbeiter mit Fachschul- bzw, Hochschulabschluss), dass für ein zu errichtendes Konsultationszentrum in einem unter Denkmalschutz stehenden baufälligen Gebäude in der Großen-Klaus-Straße in Halle ca. 20 „Hilfs“-Handwerker würden. Für die zu bewältigenden Aus- und Umbauarbeiten wären keine Bilanzen vorhanden, da dass die Fertigstellung des Objektes mit entsprechenden provisorischen Möglichkeiten erfolgen müsste (z.B. wird Zement benötigt, dann müssten dafür als Äquivalent (als Tauschobjekt P.R.)Sonderschichten im Herstellerbetrieb gefahren werden; z.B. besteht Bedarf nach Brettern, dann müsste Holz geschlagen werden und dessen Verarbeitung im Sägewerk organisiert werden usw.) Nach Errichtung des Konsultationszentrums, würden für den verbleibenden Teil an Arbeitskräften in diesem Objekt auch Arbeitsplätze als Handwerker möglich sein.
Nachbemerkungen von Petra Reichel:
Der Hass gegen das MfS, im Volksmund wurde meist die hetzerische Bezeichnung „Stasi“ verwendet, saß in der Bevölkerung tief. So war es letztendlich unmöglich ehemalige MfS-Angehörige in die zivile Arbeitswelt einzugliedern. Nach Ende der DDR waren die meisten arbeitslos und dann vom Rentenstrafrecht betroffen.
Im ersten genannten Fall haben die potentiellen Kollegen ihre Ablehnung kund getan mit einem ehemaligen MfS-Angehörigen und deren Helfer zu arbeiten.
Im zweiten genannten Fall wurde musste eine Einstellungszusage zurückgezogen werden, weil die potentiellen Kollegen abgelehnt haben mit einem ehemaligen MfS-Angehörigen zu arbeiten. Sie drohten mit Kündigung. (Was zum damaligen Zeitpunkt noch möglich war.)
Der dritte genannte Fall mit dem Hygieneinstitut ist ja der „Hammer“. Zunächst sollten die ehemaligen MfS-Angehörigen ihrer Qualifikation entsprechende Arbeitsplätze erhalten. Dann war plötzlich keine Rede mehr davon. Sie sollten weit unterhalb ihrer Qualifikation arbeiten. Anstatt als Hygieneinspektoren, wie zunächst vorgesehen, sollten sie als Bau-Hilfsarbeiter arbeiten. Nun ja die beschriebene Tauschwirtschaft war aufgrund der Mangelwirtschaft in der DDR normal. Nach der Vollendung des Baus sollten eventuell auch nur ein Teil der ehemaligen MfS-Angehörigen weiterbeschäftigt werden. Und das wieder als Hilfs-Handwerker/Bauhelfer. Wären da eingearbeitete/gelernte Bauarbeiter nicht sinnvoller als Tauschobjekt gewesen? Körperliche Arbeit waren die ehemaligen hochqualifizierten MfS-Angehörigen nicht gewöhnt. Da hätte es doch ohnehin nicht geklappt mit der Arbeit. Na ja, es ging schlichtweg darum die ehemaligen MfS-Angehörigen zu demütigen, ihnen ihren Lebensmut zu nehmen u.ä.